Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

ENDERLE-BURCEL, Gertrude: Militarisierung der Gesellschaft – Aspekte österreichischer Wehrpolitik 1918–1938

gegen verlangt eine „allgemeine Dienstpflicht“98), während Finanzmini­ster Karl Buresch die Einführung einer Wehrpflicht neben einer Dienst­pflicht für katastrophal hält, „weil man dadurch ein Korps der nicht braven Staatsbürger schaffen würde“.99) Verschiedene Wortmeldungen von Bundesminister Emil Fey, in denen er die Bedeutung der Heim­wehren hervorhebt, zeigen aber die Beweggründe für den Widerstand der Heimwehrkreise. Sie fürchteten zu recht, daß bei der Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht die staatlichen Sicherheitskräfte so stark würden, daß die Heimwehrverbände überflüssig werden könnten.100) Landwirtschaftsminister Josef Reither hatte zur gleichen Zeit in einer Rede in Innsbruck das Verschwinden der Wehrverbände und den Über­gang zur allgemeinen Wehrpflicht gefordert.101) Nach einem Bericht des deutschen Militärattaches in Wien, Wolfgang Muff, habe Bundeskanzler Kurt Schuschnigg die allgemeine Wehrpflicht bereits am 7. April 1935 verkünden wollen, hätte aber unter dem Druck der Heimwehrführung davon abgesehen.102) Die Diskussionen im Mini­sterrat lassen den Bericht Muffs allerdings sehr unwahrscheinlich er­scheinen. Bundeskanzler Kurt Schuschnigg hatte zwar am 12. April 1934 dezidiert den Grundsatz aufgestellt, daß man zu einer Wehr- und Dienstpflicht gelangen solle103), der Ministerrat beauftragte aber zu­nächst ein Ministerkomitee mit der Ausarbeitung eines Gesetzesent­wurfes.104) In einem Brief vom 17. Mai 1935 an Adolf Hitler berichtete Franz v. Papén, daß ein Gesetz über die Aufrüstung fertiggestellt sei und am 1. Juni verkündet werden solle.105 106) Bis zur tatsächlichen Einführung der Bundesdienstpflicht sollte es aber noch ein Jahr dauern. Neben Geldmangel als Ursache der Verzöge­rung108) können ebenso das langsame Zurückdrängen der Heim­wehren107), die Ablenkung der österreichischen Öffentlichkeit durch die Militarisierung der Gesellschaft - Aspekte österreichischer Wehrpolitik 1918-1958 98) Ebenda, S 429. 99) Ebenda, S 435. 100) Zur Auflösung der Wehrverbände, ihrer Überführung in die Frontmiliz, bzw. zur Eingliederung in die bewaffnete Macht vgl. Broucek, Heerwesen, in: Österreich 1918-1938, Bandi, S 218. 101) Müller, Franz von Papén, S 130. 102) Ebenda, S 151. Zu den Gerüchten über einen geplanten Heimwehrputsch zu dieser Zeit vgl. S 132. 103) MRP 992/8 vom 12. April 1935, S 457. 104) Vgl. dazu MRP 995/17 vom 2. Mai 1935, Beilage L, S 566ff. 105) Der Hochverratsprozeß gegen Dr.Guido Schmidt vor dem Wiener Volksgericht. Die gerichtlichen Protokolle mit den Zeugenaussagen, unveröffentlichten Dokumen­ten, sämtlichen Geheimbriefen und Geheimakten, Wien 1947, S 390. 106) Jedlicka, Ein Heer im Schatten der Parteien, S 136. 107) Broucek, Heerwesen, in: Österreich 1918-1958, Band 1, S 218. 191

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