Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)
AGSTNER, Rudolf: Das Hôtel Matignon als k. u. k. Botschaft in Paris 1889–1914
Hotel Matignon als k. u. k. Botschaft in Paris Am nächsten Tag richtete sie ein Schreiben an den Kaiser, in dem sie nochmals die Motive für ihr großzügiges Angebot darlegt: „Le premier point concerne une des mes dispositions testamentaires ä l’effectuation de laquelle j’attache beaucoup de prix, car eile me présente ä la fois une sécurité pour l’avenir de mon fils et une occasion de rendre service au Gouvernement de votre Maje- sté. Je tiendrais toutefois par des motifs faciles ä comprendre, ä ce que cette disposition ne fut pas actuellement ébruitée. Le second point est le point douleureux... II est certain que s’il y avait moyen de défendre ä mon fils et ä son associé dans une démarche inconsidérée d’ajouter ä leur nőm le nőm de La Renotiére, ce serait immensément de gagné et de ce bienfait Je garderais ä votre Majesté une reconnaissance éternelle.“38) Die Herzogin bittet sodann, ihr die Antwort in zwei getrennten Schreiben zukommen zu lassen, „en sorte que Je puisse soumettre ä mon fils la lettre répondant le premier point, et lui laisser ignorer celle concernant le seconde.“ Daß für diese testamentarische Verfügung auch die Abstattung einer auf den deutsch-französischen Krieg zurückgehenden Dankesschuld an Rudolf Graf Khevenhüller, von 1868 bis 1874 Legationssekretär und 1903-1910 Botschafter in Paris und Hausherr des Hotel Matignon, eine Rolle gespielt haben könnte, muß bezweifelt werden39). Mit Schreiben von Stephan von Päpay, Sektionschef in der k. u. k. Kabinettskanzlei vom 7. März 1887 aus Budapest wurde Kabinettsdirektor Karl Baron Braun40) von der Absicht der Herzogin, das Hőtel Matignon der österreichisch-ungarischen Regierung zu vermachen, informiert. 38) HHStA, PA 1/465, Liasse Varia XX/11, Nr. 462, 463. 39) Hans Schiitter Rudolf Graf Khevenhüller nach Aufzeichnungen und Briefen - Ein Gedenkblatt gewidmet der Gesellschaft Jur Neuere Geschichte Österreichs Wien 1911, 4L, liegt in HHStA, AR, F 4/162, fol.323ff., Pers.Akt. Khevenhüller: „Die deutschen Heere belagerten Paris, wo Graf Khevenhüller in Abwesenheit des Fürsten Metternich und des übrigen Botschaftspersonals die Geschäfte führte. Kalten Blutes versah er in jenen Tagen des Schreckens seinen Dienst; unter dem Donner der Geschütze dechiffrierte er die ihm von Brieftauben überbrachten Depeschen, und das Platzen der Granaten beunruhigte ihn weit weniger als die Übligkeit, die er nach dem mutwilligen Genuß einer aus Rattenfieisch zubereiteten Pastete empfand. Ein Ritter ohne Furcht und Tadel, erfreute sich Graf Khevenhüller der besonderen Achtung der Pariser Aristokratie; so hatte ihm die Herzogin von Galliera nach Ausbruch des Krieges eine Kassette mit dem Bedeuten anvertraut, daß diese bei ihm gewiß besser verwahrt wäre als in ihrem Palais. Khevenhüller meinte, daß es sich dabei um Schmuck und Briefschaften handle, weshalb er der größeren Sicherheit halber die Kassette unter sein Bett stellen ließ - sie enthielt aber 40 Millionen in Wertpapieren. Die Herzogin erwies sich dankbar für den Dienst des Österreichers und sie vermachte dem Kaiser Franz Joseph jenen herrlichen Palast in der Rue de Varenne, der durch die Hochherzigkeit des Monarchen der bleibende Wohnsitz der österreichisch-ungarischen Botschaft wurde.“ 40) Adolph Carl Freiherr von Braun (*1819 Bubna/Böhmen, 14. März 1904 Aussee), Direktor der Kabinettskanzlei 1866-1899, vgl. Fritz Reinöhl Geschichte der k. u. k.Kabi- nettskanzlei (Wien 1963) 353ff. 223