Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)
KUPRIAN, Hermann J. W.: „ …damit auch die Begabteren in Hinkunft dem Archivdienste treu bleiben…“. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Archivwesens 1892–1923
Hermann Kuprian seitigen. War dies doch ursprünglich eine der maßgeblichen Prämissen für seinen Einstieg in die Politik gewesen. Zum anderen fehlte ihm ausgerechnet in dieser entscheidenden Phase die konsequente Rückendeckung der eigenen christlichsozialen Parteiführung, die diesem Problemkreis angesichts der relativ erfolglosen Bemühungen um eine Instrumentalisierung der Länder gegen die „initiative und führende Rolle der Sozialdemokratie in der Staatsregierung“ ebenso wie gegen das sozialdemokratisch dominierte Wien wenig Verständnis entgegenbrachte82). Auf noch geringere Gegenliebe stieß der Staatssekretär allerdings bei den Landesregierungen, die ihrerseits mehrheitlich eine Belastung der Staatskanzlei mit wesensfremden Administrativagenden für völlig verfehlt hielten. Dieses Ergebnis erbrachte eine Umfrage, die das Staatsamt für Inneres und Unterricht in bewußter Anlehnung an Mayrs Initiativantrag bei den Landeshauptmännern angeregt hatte83). Die gegensätzlichen Positionen zwischen Landespolitikern und Archivleitungen boten Staatsekretär Matthias Eldersch84) freilich eine willkommene Gelegenheit, dem Kabinettsratsvorsitzenden unter Hervorkehrung des ablehnenden Standpunktes der christlichsozial beherrschten Tiroler und Salzburger Landesregierungen zu signalisieren, welche politische Brisanz in der Materie lag und wie sehr er sich dabei in Gegensatz zu seinen Parteifreunden in den Ländern stellen würde. Solchermaßen gestärkt bemerkte Eldersch resümierend, daß er „in Übereinstimmung mit der überwiegenden Mehrzahl der Landesregierungen auf dem Standpunkte stehe, daß das zu schaffende Archivamt sowie die Verwaltung des Archivwesens überhaupt dem Staatsamte für Inneres einzugliedern, bezw. bei ihm zu belassen wäre“85). Der Hinweis verfehlte nicht seine Wirkung. Am 7. Oktober 1920 legte Mayr dem Kabinettsrat seine abgeänderten Forderungen vom 16. Juni mit der Bemerkung vor, es könne sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt lediglich um eine interimistische Neuregelung des Archivwesens handeln, die mit keinerlei finanziellem Mehraufwand verbunden sei. Konkret umfaßte sein Antrag folgende drei Punkte86): 82) Ausführlich behandelt die Situation der Christlichsozialen Partei während dieses Zeitraumes Anton Staudinger Aspekte christlichsozialer Politik 1917 bis 1920, phil.Ha- bil.-Schrift, Wien 1979, hier 63 ff. 83) AdR, Staatskanzlei/BKA(alt), Karton 76, ZI. 36.546/1920 (liegt bei ZI. 280/ 1921-946/33), Eldersch an Mayr vom 28. September 1920. 84) Zu Matthias Eldersch (1869-1931) vgl. Alfred Magaziner Die Wegbereiter. Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung Wien 1975, 116-119; ÖBL Band 1, Graz/Köln 1957 241. 85) AdR, Staatskanzlei/BKA(alt), Karton 76, ZI. 36.546/1920 (liegt bei ZI. 280/ 1921-946/33), Eldersch an Mayr vom 28. September 1920. 86) AdR, Kabinettsrats-Protokolle, Karton 32, Protokoll Nr. 227 vom 7. Oktober 1920. 210