Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)

AUER, Leopold: Historische Friedensforschung (Literaturbericht)

454 Literaturberichte drucktechnische Ausstattung, die keine Kosten scheute, ist dem Auftraggeber, der Sparkasse von Bra, zu danken. Richard Blaas (Wien) Franz-Josef Kos Die Politik Österreich-Ungarns während der Orientkrise 1874/ 75-1879. Zum Verhältnis von politischer und militärischer Führung (Dissertationen zur neueren Geschichte 16). Böhlau Verlag, Köln-Wien 1984, X, 462 S. Das Thema der von K. vorgelegten umfangreichen Arbeit wird gleich im Untertitel des Bandes genau umschrieben: K. setzt sich mit den harten inneren Kämpfen auseinander, die zwischen der „politischen“ und der „militärischen Führung“ in der Zeit der Orientkrise der 1870er Jahre um praktische Fragen der Eroberung Bosniens und der Herzegowina geführt wurden. Das erst vor kurzem verstrichene Zentenarium der Ereignisse hat zur Ergründung der Rolle der in der Orientkrise verfolgten österreichisch-ungarischen Politik und dabei insbesondere des Militärressorts bedeutend beigetragen. Der Vf. orientiert sich an einer der bei dieser Gelegenheit vorgegebenen neuen Forschungsrichtungen und stützt sich auf eine beeindruckend reichhaltige Quellenbasis. Beharrlich und systematisch sichtete er im Wiener Kriegsarchiv das einschlägige, überaus umfangreiche Material, so auch die Präsidialakten des Kriegsministeriums und außer dem Beck-Nachlaß vor allem die vielseitigen Fonds der Militärkanzlei. Bei letzteren verwandte er besondere Aufmerksamkeit auf eine ausführliche Darstellung der Militärkonferenzen, die eine Sonderrolle spielten: Sie waren das Forum, auf dem die hohen Militärs gemeinsam mit dem Kaiser und dem Außenminister relativ regelmäßig nicht nur über die Probleme immanent militärpolitischen Charakters, sondern häufig auch über Fragen ausdrücklich außenpolitischer Natur berieten. K. bezieht in seine Untersuchungen häufig auch die Akten des Politischen Archivs des Außenministeriums mit ein. Er weist sich als guter Kenner und kritischer Benützer des ihm sprachlich zugäng­lichen Teils der schier unübersichtlichen Sekundärliteratur aus. Der Vf. handelt sein Thema der allgemein verbreiteten Periodisierung der Orientkrise folgend ab und geht stets von Primärquellen aus. Im Brennpunkt der Orientpolitik der Monarchie stand die Absicht, das Vilayet Bosnien zu erwerben. Andrássy trat nicht als prinzipieller Gegner der Expansion hervor, daher bildeten vorwiegend die Art und Weise der Realisierung bzw. die Ausdehnung des Erwerbs den eigentlichen Gegenstand der häufigen Auseinandersetzungen. Die Militärkonferenz vom Januar 1875 und das dort gebilligte Programm der begrenzten Expansion bildeten einen echten Meilenstein. Im Sinne dieses Programms mußte ein von vornherein bestimmter Teil Bosniens beim Eintreten bestimmter Voraussetzungen in den Besitz der Monarchie übergehen. Von einem weiteren Teil hätte Serbien (eventuell auch noch Montenegro) Besitz ergreifen sollen. In dieser Hinsicht zeigte sich die Heeresleitung nicht einheitlich, mehrere ihrer Mitglieder hielten den Aktionsplan vom Januar für einen Kompromiß: Albrecht und andere fanden die vorgesehene Beute für zu klein, sie erhoben Anspruch auch auf Novi Pazar. In der Außen- und Militärpolitik der Monarchie waren - wie K. nachweist - Andrássy und Beck die eigentlichen Kontrahenten. Bei der Erarbeitung des Programms von 1875 stimmten jedoch die Auffassungen der beiden in den ausschlaggebenden Fragen überein. Der im Sommer 1875 in Bosnien ausgebrochene Aufstand gegen die Türken verlief nicht den Erwartungen der Wiener Führung entsprechend: Die auf der Konferenz im Januar von Andrássy als für ein aktives Auftreten nötig beurteil-

Next

/
Thumbnails
Contents