Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)
SCHÖNFELLNER, Franz: Der Bund als Gesellschafter der WÖK in der Ersten Republik
170 Franz Schönfellner Gemeindevertreter Gauamtsleiter Obersturmbannführer Anton Langer in den Aufsichtsrat. Die WÖK verzeichnete zunächst noch Umsatzsteigerungen und entwarf ein umfangreiches Investitionsprogramm bis 1940, das wiederum den Ausbau der Zentralbäckerei, die Forcierung des Verkaufes an Büros und Fabriken und entsprechende Investitionen in die Küchen und den Fuhrpark vorsah97). Zwar war die Zahl der Portionen der Kinderausspeisung beispielsweise rückläufig, doch konnten neben verschiedenen Großfirmen und Fabriken auch verschiedene Formationen der NSDAP oder von Wehrmachtsabteilungen versorgt werden. Allerdings mußte die Firmenleitung neuerlich mit Lebensmittelverteuerungen und erhöhten Steuern kalkulieren. In der Bilanz für das Jahr 1939 wurde angemerkt: „Die politischen Ereignisse des Berichtsjahres, die Wiedervereinigung mit dem Großdeutschen Reich, haben Veränderungen im Wirtschaftsleben der Stadt Wien gebracht, die sich auch bei unserem Unternehmen ausgewirkt haben“98). Die Arbeiter und Angestellten der WÖK wurden durch die geänderten politischen Verhältnisse ebenfalls betroffen, im Jahr 1938 wurden alle Juden entlassen99). Vizebürgermeister Kozich forderte den Abbau aller „politisch nicht tragbaren“ Mitarbeiter, da teilweise noch starke „marxistische Tendenzen“ vorhanden seien 10°). Die Zahl der Angestellten wurde insgesamt allerdings im Laufe des Jahres 1939 auf 566 erhöht; die neue Führung meldete, daß der Aufbau von „Zellen“ der Deutschen Arbeitsfront organisiert werde101). Unter der Zahl 19.847-7/39 stellte die Gemeindeverwaltung Wien das Ansuchen um Abtretung der Gesellschaftsanteile des Landes Österreich und begründete dies mit dem derzeitigen Kriegszustand, in dem ein Emährungsgroß- betrieb die bessere Ausnützung der zur Verfügung stehenden Lebensmittel gewährleiste. Im Sommer hatte es erste Probleme mit der Lebensmittelbeschaffung in größerem Ausmaß gegeben, seit 2. Oktober 1939 war auch für Gaststätten der Markenzwang bei Lebensmitteln eingeführt worden. Das Angebot der Speisekarten war drastisch eingeschränkt worden, es gab nur mehr zwei Menüs, eines mit Fleisch um 1,10 Reichsmark und ein fleischloses um 0,80 Reichsmark. Die Folge waren neuerliche Umsatzrückgänge, allerdings kehrte das Publikum nach einigen Wochen großteils zurück. Da durch das Haupternährungsamt ständig neue Werksküchen zur Lieferung von Mittagsmenüs zugewiesen wurden, sah der Aufsichtsrat auf diesem Sektor gute Expansionschancen102). 87) Ebenda. 9!) Die Bilanz nannte die sinkende Arbeitslosenzahl und die Aktion „Kinder ins Altreich“ als Gründe. Von 5,224.929 Portionen gesamt fielen 1939 310.938 auf Aktionen und 220.117 auf Fabriken: FA Dept. 17 8.875-17/1939. 99) Genaue Angaben fehlen, 20.864,- Reichsmark wurden an Abfertigungen gezahlt: FA Dept. 17 ZI. 3.816-17/1939, 5.721-17/1939. i») FA Dept. 17 ZI. 3.816-17/1939. 101) FA Dept. 17 ZI. 8.875-17/1939. !°2) fa Dept. 17 ZI. 17.377—17/1939, 1.068—7/1940. 1940 wurden zu Jahresende insge-