Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)

SCHÖNFELLNER, Franz: Der Bund als Gesellschafter der WÖK in der Ersten Republik

Der Bund als Gesellschafter der WÖK 159 Die Führung der WÖK lud daraufhin eine Gruppe von etwa 95 Wiener Ärzten ein, die Firma zu besichtigen44). Die Eindrücke wurden in der Medizinischen und Pharmazeutischen Rundschau, VII. Jahrgang Nr. 154 im November 1931 publiziert. Der Artikel lobte die schön gedeckten Tische, das „geschmackvolle Service“ und die hygienisch einwandfreie Einrichtung der beiden gezeigten Küchen. Der Berichterstatter zeigte sich beeindruckt, daß der Betrieb, der täglich für fast 35.000 Menschen koche und dabei ganze Waggonladungen an Nahrungsmitteln verarbeite, kein auf Gewinn ausgerichtetes Unternehmen sei45). Frau Dr. Motzko legte ihre Argumente öffentlich bei einer Versammlung Christlichsozialer in der Inneren Stadt dar, worüber die Reichspost am 22. November 1931 unter anderem berichtete, daß die WÖK durch die Aufkündi­gung eines Darlehens bei der Zentralsparkasse seitens der Gemeinde Wien in größere Schwierigkeiten geraten sei. Gerade die Vertreter des Bundes hätten bewirkt, daß die WÖK konzessions- und damit steuerpflichtig geworden wäre. Ein Nahrungsmittelbeirat würde nunmehr überwachen, daß die Ankäufe bei privaten Firmen getätigt würden. Die politischen Hintergründe dieser einseiti­gen Darstellung von Dr. Motzko liegen auf der Hand: Die WÖK war beispiels­weise seit 1923 steuerpflichtig und hatte die Konzession erst sechs Jahre danach erhalten; die Probleme der Gesellschaft aber waren trotz der Kapital­erhöhung nach wie vor ungelöst. Am 28. November 1931 fand eine Besprechung der Aufsichtsratsmitglieder des Bundes und zweier Vorstandsmitglieder der Genossenschaft der Gastwirte im Handelsministerium statt, bei der die Bundesvertreter nachwiesen, daß die WÖK nicht steuerbegünstigt war, und dabei unterstrichen, daß in letzter Zeit keinerlei Expansion der Firma stattgefunden habe, da keine zusätzlichen Lokale eröffnet wurden, sondern tatsächlich nur bestehende Küchen verlegt worden waren. Die beiden Vertreter der Gastwirte betonten unter anderem, daß ihnen von seiten der Gemeinde die „Sozialisierung“ drohe, und baten, daß der Bund an der Gesellschaft im bisherigen Verhältnis beteiligt bleibe46). Abschließend einigten sie sich angeblich, daß künftighin Oberrechnungsrat Vaget vom Finanzministerium zu etwaigen Forderungen und Kritiken der Gastwirte werde Stellung nehmen können, bevor diese damit an die Öffentlich­keit gehen wollten. Falls ein derartiges Zugeständnis wirklich gegeben wurde, so hielt es auf jeden Fall nicht lange, denn im Frühjahr 1932 meldete Dr. Hlavac dem Departement 23, daß die Klagen der Gastwirte und Kaffeehausbesitzer immer leidenschaft­licher geworden seien und daß der Landesverband der Gastwirtegenossen­schaft und der Gremialverband der Kaffeehausbesitzer beim Bundesministe­44) FA Dept. 23 ZI. 79.829-23/1931. In diesem Akt wurde bei der Bearbeitung an dieser Stelle „aller Parteirichtungen“ gestrichen. 45) Die Zentral-Konditorei im V. Bezirk wurde als die größte Mitteleuropas gelobt, die erstklassige Speisen erzeuge. 4e) FA Dept. 23 ZI. 79.829-23/1931. Die Namen der Gastwirtevertreter wurden mit Hr. Holzmann und Hr. Metzger angegeben.

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