Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)
SCHÖNFELLNER, Franz: Der Bund als Gesellschafter der WÖK in der Ersten Republik
154 Franz Schönfellner Zum ausgewiesenen Reingewinn von 29,765.712 Kronen wurde vermerkt, daß die Reserven neuerlich erhöht wurden21). Auch der weitere Geschäftsgang bis 1930 war günstig, 1925 betrug der Umsatz knapp vier Millionen Schilling, 1930 mit fast sechs Millionen um die Hälfte mehr. Die in den Bilanzen ausgewiesenen Gewinne lagen in diesem Zeitraum zwischen S 2.500,— und 6.650,-, wobei weiterhin Um- und Ausbau von Küchen, Speisestellen, Erweiterungen des Fuhrparks und ähnliches mehr finanziert sowie Rücklagen getätigt wurden. Allerdings hatte die WÖK schon 1926 die Folgen der wirtschaftlichen Depression in der Industrie, verbunden mit den Verschlechterungen am Arbeitsmarkt, zu spüren bekommen, es mußten drei Speisestellen und eine Küche wegen stark rückläufiger Frequenz aufgelassen werden, eine andere Küche wurde als Speisestelle weitergeführt22). Dabei erwies sich der Ausbau der zentralen Wirtschaftsanlage Baumgarten mit den Zentralisierungsmaßnahmen als gute Planung. Gestützt wurde die positive Entwicklung des Unternehmens durch eine Steigerung der Aktionen der Gemeinde Wien, so der Aktion „Kinder nach Wien“ oder der Versorgung von Lehrlingsheimen. 1927 sank die Zahl der verabreichten Portionen geringfügig von 9,453.427 auf 9,451.624, doch wurden dazu 90.105 Extraspeisen verkauft. Ab November lief eine Ausspeisungsaktion der Gemeinde für Mittellose, bei der 3/lo 1 Suppe, 3/io 1 gemischte Beilage und 12 dkg Brot um 30 Groschen insgesamt 4.543 mal verabreicht wurden. Das Finanzministerium übte zu verschiedenen Punkten der Bilanz von 1927 Kritik23); problematisch seien die Adaptierungen von in gemieteten Räumlichkeiten untergebrachten Küchen und Speisestellen - tatsächlich gab es dann Probleme mit den Mietverträgen24) -, zudem hatte die Gesellschaft etwa S 200.000,- Schulden bei Lieferanten und Banken, daher sollten keine Bankverbindlichkeiten mehr eingegangen werden. Insgesamt sprach sich Oberrechnungsrat Anton Vaget vom Ministerium, der neben dem Leiter des Wiener Kontrollamtes zum Revisor bestellt war, für die Annahme der Bilanz aus. Durch weitere Rationalisierungsmaßnahmen, unter anderem den Ankauf von Frigidaireapparaten zur Aufbewahrung nichtverkaufter Speisen, konnten die Preise der Menüs 1928 trotz Steigens der Einkaufspreise gehalten werden. Die Zahl der Arbeiter und Angestellten erreichte 1930 mit 950 ihren Höchststand. Damit entspricht die Entwicklung der WÖK bis 1930 etwa den allgemein schwankenden, insgesamt steigenden Tendenzen der österreichischen Wirtschaft25), die durch den Zusammenbruch der Bodenkreditanstalt allerdings eine plötzliche Depressiop erfuhren. 21) Dieser Gewinn entspricht etwa S 3.000,- nach der Golderöffnungsbilanz. 22) FA Dept. 23 ZI. 9.923-23/1927. 2S) FA Dept. 23 ZI. 51.183-15/1928. 24) FA Dept. 23 ZI. 21.714/1930. 25) Dazu etwa: Friedrich Thalmann Die Wirtschaft in Österreich in Geschichte der Republik Österreich, hg. v. Heinrich Benedikt (Wien 1954) 495; Hans Kernbauer Die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich 1918-1938, hg. von Erika Weinzierl und Kurt Skalnik (Graz 1983) 345.