Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HÜTTL, Ludwig: Die Beziehungen zwischen Wien, München und Versailles während des großen Türkenkrieges 1684 bis 1688
82 Ludwig Hüttl rat Franz Caspar von Schmids), ein Sohn des Geheimen Ratskanzlers Caspar von Schmid3 4), zu Beginn des 18. Jahrhunderts die gespannten Beziehungen zwischen dem Kurhaus Bayern und seinem an Territorien und politischem Vermögen mächtigeren Nachbarn, dem Erzhaus Österreich 5). Letztendlich beruhte die während der frühen Neuzeit wiederholt in Erscheinung tretende Rivalität zwischen beiden Häusern auf der geo- politischen Situation ihrer Länder. Im Spannungsfeld zwischen Habsburg und Bourbon gelegen, suchte Bayern nach Möglichkeit die gesamteuropäischen Entwicklungen zum eigenen Vorteil zu nutzen und die Umklammerung durch habsburgische Territorien (Böhmen, Oberösterreich, Tirol und verschiedene Enklaven im Schwäbischen) zu lockern, indem es sich bei günstiger Gelegenheit den französischen Interessen näherte. Paris (bzw. ab 1682 Versailles) war daran gelegen, die Macht des Gesamthauses Habsburg zu schwächen, die Zusammenarbeit der österreichischen und spanischen Linie zu beschränken oder gar zu verhindern, die geopolitische Umklammerung Frankreichs durch habsburgische Territorien bzw. Einflußzonen aufzubrechen, die Casa de Austria von ihren potentiellen Verbündeten, insbesondere auch den Reichsfürsten, zu separieren und jede nur mögliche Opposition gegen den habsburgischen Kaiser im Reich zu fördern. Bayern bildete einen der Mosaiksteine in diesem Kalkül. Der bayerische Landesherr konnte in seiner Eigenschaft als Kurfürst im Bunde mit Frankreich der kaiserlichen Reichs- und Europapolitik nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten bereiten und, wenn nötig, den Durchmarsch kaiserlicher Truppenverbände erschweren, verzögern, wenn nicht gar verhindern6). Nach Aussage des späteren französischen Marschalls Louis die Relatio historico-juridica vom, Herzogthum Bayern des Barons [Franz Caspar von] Schmid bezüglich der bayerischen Ansprüche auf Tirol (fol. 1—32). 3) Franz Caspar von Schmid (1658—1721), bayerischer Hofrat, Pfleger von Aibling, Historiograph: Georg F e r c h 1 Bayerische Behörden und Beamte (1505—1804) (Oberbayerisches Archiv 64 [1925] = Teil 3, Erg.) 189. 4) Ludwig Hüttl Caspar von Schmid (1622—-1693), ein kurbayerischer Staatsmann aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. (Miscellanea Bavarica Monacensia 29, München 1971). Schmid wurde 1688 in den erblichen Freiherrnstand erhoben. s) Zum Begriff: Alphons Lhotsky Was heißt „Haus Österreich"? in Anzeiger der österreichischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse Jg. 1956 n. 11 (1957) 155—175; Adam Wandruszka Das Haus Österreich. Die Geschichte einer europäischen Dynastie (Freiburg i. Br.—Basel—Wien 21979) bes. 90—98: Das Haus Österreich und Burgund. 6) Zum Verhältnis Bayern — Frankreich im 17. Jhdt.: Dieter Albrecht Die auswärtige Politik Maximilians von Bayern 1618—1635 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften München 6, Göttingen 1962); Karl Schweinesbein Die bayerisch-französischen Beziehungen 1639—1645 (ungedr. phil. Diss. München 1967); Sigmund von R i e z 1 e r Bayern und Frankreich während des Waffenstillstands von 1647 in Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1898/2 (München 1899) 493—541; dsbe Geschichte Baierns 5 (Gotha 1903, Neudruck Aalen 1964) 606 ff; Doeberl Bayern und Frankreich passim.