Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
MIKOLETZKY, Lorenz: Zehnter Internationaler Archivkongreß Bonn 1984
432 Elisabeth Springer zu setzen vermögen; und zum andern, weil die Sozialwissenschaften ihren Auftritt auf der Weltbühne mit großem Selbstbewußtsein inszenieren. Ja, man hat sogar gefunden, daß die Sozialgeschichte einen „Totalanspruch“ 27) gegenüber allen anderen Disziplinen erhebe. Die Soziologen meinen dazu, dies sei bloß eine Behauptung der Gegner der Soziologie28). Es mag stimmen, daß die Soziologen oder Sozialhistoriker von sich aus gar nicht beabsichtigen, die gesamte Wissenschaft zu beherrschen. Es ist jedoch eine nicht zu leugnende Tatsache, daß der Historiker, der Kunst- oder Literaturwissenschaftler, der es wagt, ein Thema seiner Wahl ohne ,soziologische Aspekte“ abzuhandeln, von der Kollegenschaft darob heftig kritisiert wird. Sehr aufschlußreich in dieser Hinsicht sind Rezensionen zu einschlägigen Werken. Beispielsweise erschien vor kurzem ein Buch über die Fotografin Dora Kallmus als Edition des Museums moderner Kunst in Wien 29). Aus Titel und Herausgeberschaft scheint doch ziemlich klar, was das Werk bieten will: die Entwicklung einer Persönlichkeit, soweit sie in ihrem Werk zutage tritt. Das Werk sind im vorliegenden Fall fotografische Aufnahmen, die von Monika Faber ausgewählt, erläutert und mit knappen Angaben über das Leben der Künstlerin versehen werden. Es handelt sich also um eine Arbeit, die aus einem ganz bestimmten Blickwinkel auf ihr Thema eingeht, und jeder Leser bzw. Käufer wird sich darauf einstellen. Nicht so der Rezensent Timm Starl30). Er bemängelt z. B., daß bei einer Charakteristik der Fotografin Dora Kallmus deren individual-psychologische Merkmale nicht genügend „hinterfragt“ werden; daß die antisemitische Bewegung in Österreich nicht genügend erforscht wurde. Vor allem wirft er ihr die „Eingleisigkeit allein kunsthistorischer Betrachtung“ vor und fordert schlicht und einfach: „Dann müssen auch soziokulturelle, psychologische und weitere Erklärungsmuster ergänzend herangezogen, die Beziehungen von Person und Gesellschaft in ihrer ganzen Breite und Vielfalt reflektiert werden“ 31). Man möchte sich fragen, ob der Rezensent das alles wirklich durchdacht hat. Kennt er die zu einer wahren Sturmflut angewachsene Literatur, die für die fragliche Zeit und den betreffenden Raum — Wien in der Monarchie, Karlsbad, Paris, Nachkriegsösterreich — von Zeitgeschicht27) Wolfgang Reinhard Möglichkeiten und Grenzen der Verbindung von Kirchengeschichte mit Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Spezialforschung und „Gesamtgeschichte“ (Wiener Beiträge 8) 259. 28) Jürgen Kocka Sozialgeschichte, Gesellschaftsgeschichte in Klaus Bergmann— Annette Kuhn — Jörn Rüsen — Gerhard Schneider (Hgg.) Handbuch der Geschichtsdidaktik (Düsseldorf 1979) 133. 2B) Monika Faber Madame d’Ora. Portraits aus Kunst und Gesellschaft 1907—1957 (Wien—München 1983). 30) In Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie 4 (Frankfurt/Main 1984) Heft 11 64—66. 31) Ebenda 66.