Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HEPPNER, Harald: Pazvandoglu – Ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik im Jahre 1802

Pazvandoglu — ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik 351 stellte in einer Depesche an den ersten Internuntiaturdolmetsch und De- facto-Geschäftsträger, Bartholomäus Testa, — der Internuntius Herbert war inzwischen unvorhergesehen gestorben — zwar fest, Soro habe nicht vorschriftsmäßig gehandelt; dennoch beließ man Honig in Vidin, der da­selbst von Pazvandoglu mit großen Pomp empfangen worden war. Wien wischte die nun von den Türken angestrebte gütliche Lösung der Causa „Pazvandoglu“ vom Tisch und ließ durch Testa der Pforte vielmehr ra­ten, nicht lethargisch zu sein, sondern ihre Rüstungen weiter fortzuset­zen, damit der dadurch ausgelöste Druck den Vidiner Pascha umso mehr zum Nachgeben zwinge 16). Die Wiener Regierung war also nicht geneigt, die einmal gestartete Mission abzublasen. Die Türken hingegen beharrten auf dem Verlangen, Honig solle durch jemand anderen ersetzt werden 17). Dies war aber sichtlich nur ein Vorwand, der verschleiern sollte, daß die Pforte inzwischen eigentlich auf die Ausschaltung Österreichs in der gan­zen Angelegenheit abzielte. Warum? Im Mai 1802 waren Pazvandoglu’s Truppen in die Walachei eingefallen und hatten daselbst eine chaotische Lage herbeigeführt18). Die Pforte ge­riet dadurch in große Verlegenheit, und dies aus zweierlei Gründen: 1. des­halb, weil Pazvandoglu nun ein Pfand besaß, das er, statt selbst unter Druck gesetzt werden zu können, ausspielen konnte: die Freigabe der Walachei als Gegenleistung für seine Begnadigung und formelle Bestäti­gung in Amt und Würden; 2. deshalb, weil Rußland von der Pforte nun nicht mehr umgangen werden konnte, denn einerseits band den Sultan ein Freundschaftsvertrag mit dem Zaren 19), andererseits gehörte die Wa­lachei seit 1774 zur Schutzrechtssphäre Rußlands, das sich durch den Ein­fall der Pazvandschi’s unmittelbar angesprochen fühlen mußte. Das Ge­rücht, daß Österreich eine militärische Intervention in der Walachei pla­ne 20 *), mag die Pforte zusätzlich darin bestätigt haben, Tomara, den Ver­treter des Zaren am Sultanshof, mit der Bitte zu betrauen, ihr bei der Disziplinierung des Rebellenführers zu helfen. Peinlich mußte es aus türki­scher Sicht daher erscheinen, wenn man sich in dieser Angelegenheit schon zuvor mit dem Kaiser eingelassen hatte. russische Informativnote vom 16.—26. Juli 1802 als Beilage zum Bericht des russischen Generalkonsuls in Iasi, Malinovskij, an den russischen Außenminister Kocubej vom 9. August 1802: Rapoarte diplomatice ruse 1797—1806 (Documente privind istoria Rom&niei col. Hurzmuzaki serie nouä 4, im folgenden HUR 4) hg. v. Andrei O f e t e a (Bucure§ti 1974) 417. i«) W 1802 Mai 18 P. S. 2, 1802 Juni 1 und 1802 Juni 22: HHStA StA Tű II 130. 17) B 1802 Juli 24 P. S. 4: HHStA StA Tü II 128. 18) Über die Reaktion Österreichs auf die Ereignisse in der Walachei siehe H e p p n e r Österreich 90—91. i°) Allianzvertrag von 1798 Dezember 23 (1799 Jänner 3), siehe Shaw Be­tween 267. 20) Der russische Gesandte in Konstantinopel, Tomara, an Kocubej, 1802 Juni 28: HUR 4 391; B 1802 Juni 28: HHStA StA Tű II 128 und als Antwort W 1802 Juli 16: ebenda 130.

Next

/
Thumbnails
Contents