Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HEPPNER, Harald: Pazvandoglu – Ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik im Jahre 1802
Pazvandoglu — ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik 349 mit einer sorgfältigen, entschlossenen und sehr zielgerichteten Politik durchzusetzen suchte, speziell aber als Fürsprecher für die beiden Donaufürstentümer, die unter dem Druck des Vidiner Paschas viel zu leiden hatten, auftrat. Den konkreten Anlaß für das Einschalten des Wiener Hofes bot der Wunsch Pazvandoglu’s, im Interesse der Sicherheit seine „Effecten“ auf kaiserlichen Boden zu transferieren. Dieser Wunsch, der im Dezember 1801 nach Wien gemeldet wurde, widersprach den Intentionen der Regierung, die in Konstantinopel jeden Verdacht verhindern wollte, Österreich stecke mit dem Rebellenführer unter einer Decke5). Der Internuntius Herbert wurde daher dazu verhalten, sich mit dem Reis Efendi (Staatskanzler bzw. Außenminister) wegen der Beseitigung des rumelischen Konfliktherdes neuerlich zu beraten. In einem Gespräch Ende Jänner 1802 zwischen dem Reis Efendi und dem Internuntiatur dolmetsch Wallenburg kam es zu jenem die österreichische Seite überraschenden Vorschlag, der der ganzen Angelegenheit weiteren Auftrieb verlieh: Der türkische Vorschlag bestand nämlich darin, der Kaiser solle Pazvandoglu samt seiner Habe und seiner unmittelbaren Umgebung, d. h. mit seinem Harem und seinen Hofleuten, auf habsburgischem Boden Exil gewähren, was für die Pforte in ihrer Lage der „wichtigste Dienst“ wäre6). Das Problem sollte also mit der Entfernung Osman Paschas aus Vidin, ja überhaupt vom os- manischen Territorium, gelöst werden. Dieser Vorschlag ist erstaunlich, denn er stand im Widerspruch zu den Prinzipien des Islam, keinen, auch keinen rebellischen Gläubigen in das Land der Ungläubigen zu verbannen. Die Bedeutung der religiösen Grundsätze hatte sich zuletzt 1798 gezeigt, als bei der Belagerung Vidins durch reguläre osmanische Truppen auf die Mithilfe zweier eigens verpflichteter kaiserlicher Offiziere als Berater schließlich verzichtet wurde, weil es den (muslimischen) Befehlshabern untragbar erschien, Ungläubige als Helfer im Kampf Gläubiger (der Truppen) gegen Gläubige (Pazvandoglu) beizuziehen 7). Dieser religiöse Gesichtspunkt kam bei besagtem Gespräch jedoch gar nicht zur Sprache, wohl aber jener, ob Pazvandoglu überhaupt zum Gang ins Exil zu bewegen sei. Während der österreichische Vertreter Zweifel über die Bereitwilligkeit des Vidiner Paschas hegte, gab sich der Reis Efendi für jenen Fall zuversichtlich, wenn Osman Pascha militärischen Drohungen 5) Weisung an die Internuntiatur (im folgenden W) 1801 Dezember 18: HHStA StA Tű II 127. 6) Bericht der Internuntiatur (im folgenden B) 1802 Jänner 25 P. S. 2: ebenda. 7) Berichte der Bukarester Agenzie 1798 Juni 17, Juli 9 und 17: Corespon- denfa diplomatics ?i rapoarte consulare austnace 1798—1812 (Documente privi- toare la istoria Romänilor 19/2) hg. von Ion I. N i s t o r (Cernäuti 1938) 18, 20, 21. Siehe dazu den B 1801 Dezember 28 als Beilage zum Schreiben Cobenzls an Erzherzog Karl, 1802 Februar 5: Kriegsarchiv Wien (im folgenden KA) Kriegs- ministerialakten 1802 2-108. Zinkeisen (wie Anm. 1) vermischt diese Aktion mit jener von 1802.