Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
286 Walter Hummelberger nur auf die Dauer von wenigen Stunden, ihre kaiserlichen Hoheiten wieder nach Prag. ... Unsere Nation aber hat doppelten Anlaß mit Freude und Stolz zugleich der Ankunft des Kronprinzenpaares entgegenzusehen. Gilt doch der Besuch in erster Reihe uns, derselbe zeichnet unser langjähriges Streben auf dem Gebiete der vaterländischen Kunst aus. ... Der Sohn unseres Kaisers und seine Erlauchte Gemahlin kommen eigens nach Prag, um unser Nationaltheater mit ihrem Besuch zu beehren. ... Der Jubel, welcher heute ... das hohe Paar begrüßen wird, ... wird gewiß im ganzen Lande widerhallen“. Als am 31. Jänner 1889 kurz vor drei Uhr Nachmittags die Nachricht vom Tod des Kronprinzen in Prag einlangte, erinnerte die Politik *7) „in tiefer Wehmut“ an Rudolfs ersten Besuch („als vielverheißender Jüngling“) und an seinen Prager Militärdienstbeginn am 1. August 1878. In der Ausgabe des folgenden Tages hieß es auf der Titelseite unter der Überschrift Die Katastrophe im Kaiserhause unter anderem, daß die „fraktiöse Presse mit den Ansichten des Kronprinzen auf dem Gebiet der innern Politik Mißbrauch zu treiben [versuche], indem sie ihn geflissentlich als Gegner des dermaligen Regimes [d. h. Taaffes] darstellte ..die Deutsche Zeitung habe sich sogar erlaubt, das „deutsche Herz“ des Kronprinzen „gegen uns“ ins Treffen zu führen. „Wir aber haben im Kronprinzen niemals einen Gegner unserer berechtigten nationalen Bestrebungen erblickt, zumal dieselben im Rahmen des Kaiser- thumes und der Größe der Monarchie in keiner Weise abträglich sind. Vielmehr war uns die Tatsache, daß der Kronprinz von 1878 bis 1883 in Prag residierte ..., eine Gewähr dafür, daß er die historische und politische Bedeutung des Königreichs Böhmen vollkommen würdigte, so wie er durch häufigen und fließenden Gebrauch unserer Sprache unseren nationalen Rechten williger entgegenkam als mancher Deutscher, der es unter seiner Würde erachtet, böhmisch zu lernen! ... Denn es ist eine Tatsache, daß der Kronprinz den Staatsgeschäften vollständig fern stand und keinerlei Einfluß auf dieselben ausgeübt hat, wie sich das in einer ehrlichkonstitutionellen [!] Monarchie von selbst versteht **).“ Am Begräbnis nahm eine viergliedrige Delegation unter Führung des Bürgermeisters — in Prag Primator genannt — Dr. Sole teil und legte einen „prachtvollen Kranz mit weiß-rother Schleife“ nieder; das „eine Band an der Schleife hat in Goldstickerei die Worte ,Král(ovské) hlavní mesto“, das andere Band in Großbuchstaben das Wort ,PRAHA“ enthalten“ 49). Die Prager Jahre des Kronprinzen stellen sich uns als realpolitisch gescheitert und damit historisch als erste mißlungene Episode seines kurzen unerfüllten Lebens dar. Nach der nie mehr überwundenen Enttäuschung über das Nichtzustandekommen des böhmischen, d. h. faktisch: tschechischen, Ausgleichs war die zentrifugale Entwicklung trotz beiderseitiger 47 48 47) Politik 1889 Jänner 31 n. 31 Titelseite. 48) Politik 1889 Februar 2 (sic) n. 33 Beilage zum Morgenblatt; hier erst wird als Todesursache Selbstmord angegeben, vorher ein Schlaganfall. Politik 1889 Februar 1 n. 32 S. 4. Inschrift auf der Kranzschleife: Königliche) Hauptstadt/Prag.