Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 281 deutung für die deutsch-tschechischen Beziehungen im Land und be­sonders in Prag waren! In dieser Phase stetig wachsender nationaler Spannungen ereignete sich am 28. Juni 1881 die „Kuchelbader Schlacht“, wie sie Egon Erwin Kisch in einer glänzenden Reportage nennt31). Mitis geht sowohl in der erwähnten Studie als auch in der Biographie 32) gründ­lich auf diesen doch sehr bezeichnenden Vorfall ein, dessen politische Expansionen das persönliche Eingreifen des Kaisers notwendig machten. Dieser bezog sich in einem eigenhändigen Schreiben an den damaligen Ministerpräsidenten Eduard Graf Taaffe über die in Prag zu ergreifenden Maßnahmen auf einen Brief des Kronprinzen, der zwar vom Monarchen als „etwas grell gefärbt“ bezeichnet wird, aber doch nicht wirkungslos geblieben zu sein scheint. Eben dieser Brief, der für die so abrupt ver­schärfte Situation von besonderem Interesse wäre, wurde von Mitis als „bedauerlicherweise ... derzeit verschollen“ angegeben, und das ist er bis zum heutigen Tag geblieben 33). Das historisch Bedeutsame an dieser außerhalb Prags in einem kleinen, verschlafenen Bad als Rauferei zwi­schen Studenten verschiedener Nationalität beginnenden Episode, die sich innerhalb weniger Stunden zu einer machtvollen antideutschen Demon­stration in Prag selbst auswuchs, ist darin zu sehen, daß es „das erstemal war, daß sich der Nationalitätenkampf in Tätlichkeiten entlud, es war der Auftakt zu Zusammenstößen, die sich in Intervallen ein Menschenalter lang wiederholten, bis in anderen Schlachten sich entschied, was die Kuchelbader Schlacht nicht entschieden hatte“34). Damit war es zum 31) Egon Erwin Kisch Die „Kuchelbader Schlacht“ in Prager Pitaval (Berlin 1931) 315—320; Joseph Neuwirth Das 20. Stiftungsfest und die Schlacht bei Kuchelbad in Das akademische Corps Austria in Prag 1861—1884. Festgabe des Bezirksverbandes Wien Alter Herrn des Corps Austria zum 65. Stiftungsfeste (Wien 1926) 59—77. Den Zugang zu diesem in keiner Wiener öffentlichen Bibliothek vorhandenen Werk verdanke ich den Herren Dr. Helge Dworak und Dr. Robert Hein. — Im Gegensatz zu Kisch hat Neuwirth persön­lich an dem Vorfall teilgenommen. 32) Mitis Leben 55—58. 33) Ebenda 57. Freundliche Mitteilung von Frau Dr. Elisabeth Springer. 34) Kisch „Kuchelbader Schlacht' 316; Hamann Rudolf 146, schreibt dagegen: „Auf dem Höhepunkt der nationalen Kämpfe in Böhmen, den Stra­ßenschlachten zwischen deutschnationalen Burschenschaftlern (sic!) und tsche­chischen Studenten in Kuchelbad, brachte der Kronprinz sogar den Mut auf, seinem gefürchteten Vater einen ausführlichen Bericht über die Lage in Prag zu schreiben. Der Kaiser fand die aufgeregten Berichte seines Sohnes ,etwas grell gefärbt1, nahm sie aber diesmal doch so ernst, daß er für ein scharfes Durchgreifen der Regierung sorgte, ...“. Dazu ist folgendes anzumerken: 1. Es war der erste Gewaltakt in dem nun mit aller Härte beginnenden nationalen Kampf mit Prag im Mittelpunkt, keineswegs der „Höhepunkt“, als den man etwa die Badeni-Krise 1897 bezeichnen könnte, als in Prag das Standrecht ver­hängt werden mußte. 2. Die Burschenschaft ist 1815 am Ende der Freiheits­kriege mit dem Ziel der nationalen Einigung Deutschlands in Jena und anderen Hochschulen Deutschlands entstanden und befand sich damit in einem scharfen Gegensatz zu den aus den Landsmannschaften des 17. Jahrhunderts hervorge-

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