Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

SUTTER, Berthold: Machtteilung als Bürgschaft des Friedens. Eine Denkschrift des Botschafters Heinrich von Calice 1896 zur Abgrenzung der Interessensphären zwischen Rußland und Österreich-Ungarn am Balkan

Machtteilung als Bürgschaft des Friedens 319 betrachtete43) und dabei sein „politisches Glaubensbekenntnis in dem Satze“ zusammenfaßte, daß er „in der Besitzergreifung von Konstantinopel und der Meerengen durch Rußland eine wirkliche Gefahr für die Monarchie zu erblik- ken“ nicht vermöge44). Falls Rußland „auf Konstantinopel loszugehen durch die Ereignisse gezwungen wäre“, werde Österreich-Ungarn „diejenigen Kom­pensationen am adriatischen Meere und eventuell auch in Mazedonien erlan­gen“, deren es zu seiner Sicherung bedürfe. Doch die Frage von Konstantinopel werde - nach menschlicher Voraussicht - „die jetzt tätigen Politiker nicht beschäftigen“. Es sei daher müßig, sich mit dieser „cura posterior“ abzugeben. Ein Punkt allerdings bleibe von Bedeutung, nämlich der, daß Österreich- Ungarn in Folge des Wegfalles der Frage von Konstantinopel „bei der Neuge­staltung der Verhältnisse in Mazedonien und Albanien“ Rußland gegenüber „keine Kompensationsobjekte“ besitzen werde. Deshalb und aus anderen Gründen sollte die österreichisch-ungarische Politik „mit allen Mitteln dahin streben, die türkische Herrschaft in Europa zu stärken und für die nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahre zu sichern“. Goluchowski ist Aehrenthals An­schauungen und dessen Plänen zur Neuordnung der politischen und staatli­chen Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel in der schon erwähnten Instruktion vom 2. März 1899 mit aller Entschiedenheit entgegengetreten. Die Rolle, die dabei der Leiter des Orientalischen Referates des Auswärtigen Amtes, der Geheime Rat Julius Freiherr Zwiedinek von Südenhorst spielte, verdiente untersucht zu werden. Von ihm, den hohe Sachkenntnis und enormer Fleiß auszeichneten, stammen in der Mehrzahl die Konzepte der nach St. Petersburg gerichteten Weisungen gravierenden Inhaltes, da alle die Beziehungen Öster­reich-Ungarns zu Rußland betreffenden Angelegenheiten dem Orientalischen Referat zugeteilt waren45). 43) HHStA PA I 474, geheim XXXIIf. 44) Aehrenthal war damals ein Mann von ungemeiner Arbeitskraft. Seine Gedanken zur inneren Lage Österreich-Ungams hatte er bereits im August 1899 in einem an FZM Baron Beck gerichteten Brief dargelegt. Er hatte eine „rasche Beilegung der inneren Krise“ gefordert, damit Österreich-Ungarn gegenüber St. Petersburg eine bessere Aus­gangsposition besitze, wenn es dort gelte, „auch ernstere Schwierigkeiten, wie die serbischen, in Freundschaft zu besprechen“: Ernst R. v. Rutkowski Aehrenthal über die innenpolitische Lage Österreich-Ungarns im Sommer 1899 in Südost-Forschungen 23 (1964) 284-297. - Eine umfassende Würdigung Aehrenthals fehlt. Noch immer heranzu­ziehen, auch wenn die allgemeine politische Konstellation und die realen Hintergründe vernachlässigt werden, Berthold Molden Graf Aehrenthal. Sechs Jahre äußerer Politik Österreich-Ungarns (Stuttgart - Berlin 1917); Ludwig Bittner Aehrenthal, Aloys Leo­pold Johann Baptist Graf Lexa v. in NDB 1 (1953) 89. An Einzelarbeiten Heinrich Brantl Die Balkanpolitik Aehrenthals von seiner Berufung 1906 bis zur jungtürkischen Revolution 1908 (ungedr. phil. Diss. Graz 1948); zum politischen Programm Aehrenthals Maria Doäek Die Stellung Englands zu den Problemen der österreichisch-ungarischen Monarchie in den Jahren 1906-1909, herausgearbeitet aus der „Fortnightly Review“ (ungedr. phil. Diss. Wien 1957) 45-50. 45) Julius Frh. Zwiedinek von Südenhorst (1833-1918) trat am 29. September 1906, also nur wenige Tage nach dem Botschafter Heinrich von Calice in den bleibenden Ruhestand. Zur „Dienstbeschreibung“: Jahrbuch des k. u. k. Auswärtigen Dienstes 1917

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