Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Rezensionen 519 Nun einige Hinweise zum Inhalt und zu den Ergebnissen: Im ersten Teil wird eine Analyse der österreichischen Volkswirtschaft und insbesondere der Bankwirtschaft am Vorabend des Ersten Weltkrie­ges gegeben. Als wichtige Strukturmerkmale der österreichischen Indu­strie treten die relativ geringe Leistungsfähigkeit auf dem Gebiet der Eisen- und Stahlerzeugung und der überwiegend kleinbetriebliche Charak­ter der Industrie vor 1914 hervor. Die österreichischen Crédit-Mobilier- Banken wurden erst im letzten Vorkriegsjahrzehnt durch den starken Ausbau ihres Gründungs- und Emissionsgeschäfts zu Universalbanken, wie es die amerikanischen, deutschen, belgischen und schweizerischen Aktienbanken schon lange waren. In diesem Zusammenhang gibt der Vf. eine informative und übersichtliche Darstellung des industriellen Besitz­standes und Einflußbereiches der Creditanstalt (S. 73—98). Bei der Dar­stellung des Übergangs von der Friedens- zur Kriegswirtschaft zeigt M. knapp und anschaulich, wie sehr die Kriegsfinanzierung und die Kriegs­wirtschaft der k. u. k. Monarchie durch den österreichisch-ungarischen Dualismus und durch das Nationalitätenproblem erschwert wurden. Ob­wohl in der Monarchie bis 1917 das Kriegsrecht und die Militarisierung der Arbeit sehr viel schärfer als in Deutschland durchgeführt wurden, gelang die Verwirklichung der kriegswirtschaftlichen Vorschriften und der Kriegsfinanzierung noch schlechter als im Deutschen Reich: Die Militär­ausgaben der Monarchie erreichten 1914—1918 nur ein knappes Viertel der von den Deutschen aufgebrachten Militärausgaben. Ebenso wie im Deutschen Reich wurden die Mittel für die Kriegführung nicht durch scharfes Anziehen der Steuerschraube aufgebracht, sondern durch Schul­denaufnahme. Während jedoch in Deutschland die interne Kriegsschuld zu 2/s aus Anleihen und zu Vs aus kurzfristigen Schuldtiteln bestand, war in der Monarchie die Hälfte der internen Kriegsschulden kurzfristig. Die Goldreserve der Österreichisch-Ungarischen Bank schmolz während des Krieges von 1,0954 Md. Kronen auf 267 Mill. Kronen zusammen — hier wäre ein Vergleich mit der Deutschen Reichsbank am Platze ge­wesen; denn diese konnte ihre Goldreserven im Kriege von 1,25 Md. Mark auf 2,26 Md. Mark erhöhen. Wegen der beinahe völligen Aufzehrung der Währungsreserven, ferner wegen der enormen Höhe der schwebenden Staatsschuld und schließlich wegen der vergleichsweise bescheidenen industriellen Ausstattung war die kriegsbedingte Inflation in Österreich- Ungarn erheblich höher als bei den anderen kriegführenden Großmäch­ten. Ein besonders interessantes Kapitel ist der Abschnitt über „Die Österreichischen Großbanken im Dienst des totalen Krieges“ (S. 226—258). Hier berichtet der Vf. unter anderem, wie sich das deutsch-österreichi­sche Verhältnis in der Orientpolitik während des Krieges wandelte. Da Deutschland nach dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches im Orient wirtschaftlich an die Stelle der Engländer und Franzosen getreten war, entstand hier nunmehr ein wirtschaftliches Konkurrenzverhältnis zwi-

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