Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

514 Literaturberichte wurf gemacht hat, wäre es denkbar gewesen, daß sie als „Engel der Ar­men“ in die Geschichte eingegangen wäre. Wie bei jeder guten Biographie beginnt man noch während des Lesens nachzudenken und schließlich zu rekapitulieren. In diesem Fall aber nicht nur über den Menschen Elisabeth, sondern auch über andere Kriterien ihrer neuen Biographie. Denn irgendwo gemahnt eine innere Stimme: Diese oder jene Passage kannte ich doch schon! Trotz ihrer in dieser Form nicht geläufigen Aussage, waren Hintergründe und Zusammenhänge irgendwie bekannt. Nach einigem Blättern und Suchen war dann des Rätsels Lösung gefunden: Egon Cäsar Conte Corti war’s, mit seiner Elisabeth (1934), der seltsamen Frau, Corti, der also doch nicht so sehr daneben gegriffen haben dürfte, wie manchmal behauptet. Frau H. hat sich mit den Gedichten Elisabeths eine neue Quelle erschlossen. Doch auch Conte Corti kannte die Gedichte zum Teil aus Abschriften. Er hatte auch die Tagebücher der Erzherzogin Marie Valerie zur Verfügung, und zwar im Original. Corti deutete freilich vieles nur an. Er verschüttete es gleichsam mit seiner Darstellungskunst und handelte als Kavalier der alten Schule, aber auch als ein Historiker, der dem Haus Habsburg mehr verpflichtet war als den Lesern seiner Bücher. Es war also gleichermaßen reizvoll und richtig, sich die vorletzte öster­reichische Kaiserin wiederum vorzunehmen und geänderten Ansprüchen folgend darzustellen. Daß dabei gleichzeitig eine gar nicht so schlecht ausfallende Wertung der Arbeit Conte Cortis herauskam, war ein wohl ungewollter Nebeneffekt. Auch für H. ist Elisabeth eine „seltsame Frau“. Der von derselben Autorin und ebenfalls bei Amalthea erschienene Bild­band zum Leben der Kaiserin stellt eine ideale aber nicht unproblema­tische Ergänzung der Biographie dar. Fotobände sind (noch) „in“, sie gehen aber manchmal etwas rüde mit ihren Themen um und illustrieren lediglich, wo es auch genauso möglich wäre, das Bild als eine der hervor­ragendsten Quellen einzusetzen. Da fällt zunächst auf, wie verhältnismäßig spät die Fotographie am Wie­ner Kaiserhof salonfähig geworden ist und wie auch dann, als es so weit war, das Foto in seiner Aussagekraft unterschätzt und hinsichtlich des dokumentarischen Wertes überschätzt wurde. Mag sein, daß dies damit zusammenhing, daß einem Fotografen weniger Aufträge gegeben werden konnten als einem bedeutenden Künstler, wie er bestimmte körperliche Merkmale herauszuarbeiten oder zum Verschwinden zu bringen, aber auch wie er schwierige menschliche und höfische Probleme in seinem Arrangement zu berücksichtigen hatte. Die Kamera ist nun einmal nicht so gefällig wie Pinsel oder Stift. Gerade in der Person der Kaiserin wird aber wohl der Schlüssel für diese Haltung zu suchen sein, und da­für, daß die Fotographie für das engste Kaiserhaus zu Lebzeiten Elisa­beths niemals das wurde, was sie etwa für die Windsors oder andere europäische Fürstenhäuser wurde.

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