Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

504 Literaturberichte sonders der Unterschichten) voneinander deutlich zum Ausdruck. Signi­fikanterweise verblaßte das Wiener Volkstheater gleichzeitig mit dem Ver­fall der Arbeiterfamilie — und ihrer typischen proto-industriellen Kultur — am Höhepunkt der industriellen Revolution im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts (S. 222 f). Weitreichende sozialpsychologische Auswirkungen vermutet der Autor et­wa auch in dem Phänomen, das für die Wiener entstehende Arbeiter­kleinfamilie typisch, für andere europäische oder nordamerikanische In­dustrieregionen jedoch vollkommen atypisch ist, daß nämlich — bedingt durch den Mangel an älteren Familientraditionen — verwandtschaftliche Beziehungen, die über die unmittelbare Kernfamilie hinausgingen, nahezu bedeutungslos waren. So sieht er in der hohen Konzentration sozialer Beziehungen in der Wiener Arbeiterbewegung einen Kompensationsver­such für fehlende verwandtschaftliche Beziehungen der Wiener Arbeiter, ebenso wie er die damit Hand in Hand gehende Abgrenzung nach „außen“ als Folge bezeichnet, die sich noch sinnfällig in den sogenann­ten „Lagern“ (dem sozialdemokratisch proletarischen und dem christlich­sozialen kleinbürgerlichen) der Ersten Republik manifestierte, die nicht nur zwei verschiedene politische Strömungen, sondern zugleich auch zwei abgeschlossene Lebenswelten verkörperten (S. 225). Diese Hypothesen sind interessant und erscheinen plausibel, wenn sie auch, wie der Autor selbst meint, noch einer exakten Forschung bedürften. Die in dieser Besprechung nur im Überblick und als Ergebnis ange­deuteten, vom Autor jedoch mit vielen Beweisen belegten Handlungs­prozesse sind überzeugend, die Lebenswirklichkeit von Arbeitern und Kleinbürgern wird packend mit vielen neuen Details — etwa über Frauen- und Kinderarbeit oder über die Kindersterblichkeit —, die hier leider nicht ausgeführt werden können, dargestellt. Die Forschungsergebnisse über die Frauenarbeit erbringen im übrigen auch für den Wiener Raum den Be­weis, der für Westeuropa schon längst von der angelsächsischen For­schung erbracht wurde, daß nämlich die außerhäusliche Arbeit der Frau in den Unterschichten eine lange Tradition besitzt, sozusagen „der Nor- malfall“ war (vgl. dazu z. B. Joan W. Scott und Louise Tilly Women’s work and the Family in Nineteenth-Century Europe in Comparative Stu­dies in Society and History. An international Quarterly 17/1 [1975] 36— 63) und daß das in der Gegenwart so betonte nostalgisch verklärte Kli­schee der nur der Familien- und Hausarbeit nachgehenden Frau der Vergangenheit auf eine relativ kleine bürgerliche Schicht beschränkt blieb. Gegenüber diesen lebendigen Schilderungen wirkt der Versuch der ideologischen Einordnung, der als Zusammenfassung an das Ende des Buches gestellt wurde, inhaltlich und stilistisch trocken, ja verkrampft, die Auseinandersetzung mit der wissenschaftstheoretisch sowie ideolo­gisch und methodologisch sehr aufschlußreichen gegenwärtigen Diskus­sion in der vorliegenden verkürzten Form zu komprimiert. Sie setzt be-

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