Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

496 Literaturberichte lieh verhindert, die vielfältigen interessanten Bewegungen innerhalb der altständischen Gesellschaft in den 1780er und 90er Jahren gebührend zu differenzieren, in denen sich unterschiedliche Schichten des Denkens spiegelten. Elisabeth Fehrenbach Vom Anden Régime zum Wiener Kon­greß (Grundriß der Geschichte 12 [München 1981] 51—65) hat gezeigt, wie problematisch die pauschale Parallelisierung zu den radikalsten Tendenzen der Französischen Revolution ist. Die Studie R’s spiegelt durchaus die skizzierte Problematik wider. Mit mehreren Publikationen hat der Innsbrucker Privatdozent sich einen Platz in der Diskussion der Wirkungsgeschichte der Französischen Revolution errungen. Mit seiner Habilitationsschrift unternimmt er nun den Versuch einer Synthese unter einem weitausgreifenden Titel. Einer ausführli­chen Diskussion der Forschungssituation folgt eine Beschreibung der all­gemeinen, politischen, intellektuellen und sozialen Situation in der Habs­burgermonarchie am Vorabend der Französischen Revolution. Den Kern bildet eine Darstellung des „Jakobinertums“ in den unterschiedlichen Ländern der Monarchie und ihrer theoretischen Konzeptionen. Am Ende steht eine Untersuchung des Untergangs der „Jakobiner“. An dem Werk fällt sogleich die schier unvorstellbare Menge der heran­gezogenen Archive ins Auge, — daß gelegentlich Bestände ausgelassen sind (etwa die Vorträge der Staatskanzlei im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien), ließ sich wohl nicht vermeiden. Auch die Zahl der bewältigten Literatur in den unterschiedlichsten Sprachen ist beeindruckend und verleiht der Arbeit auch eine beträchtliche Bedeutung als unentbehrliches Nachschlagewerk für jeden, der hier Weiterarbeiten will. Dieser Charakter als Nachschlagewerk prägt überhaupt das umfangreiche Buch sehr stark. Die zentralen Thesen der Arbeit stehen in auffälliger Übereinstimmung mit den wegweisenden, wenn im einzelnen durchaus noch weiter zu diskutierenden Forschungen von Erich Wangermann, der seinerzeit ganz neue Perspektiven für die auch im Buch Reinalters zen­trale Epoche eröffnete: für die Spätzeit Josephs II., das kurze Interreg­num Leopolds II. und die Anfänge Franz II., Jahre, die in mancher Hinsicht Österreich am Scheideweg sahen und mit ihren Weichenstel­lungen die Schicksale der Monarchie im 19. Jahrhundert vielfältig be­einflußten. Das Thema allein garantiert schon spannende Lektüre, aber es ist erstaunlich, wie wenig die aufwendigen Archivarbeiten Reinalters über Wangermanns Akzentsetzungen hinausgeführt haben. Eine neuartige Synthese ist das Werk somit nicht geworden. Dazu ist auch das Durchschlagen der bisherigen Literatur zu deutlich; zuweilen erscheinen Versatzstücke marxistischer Interpretation in einem sonst me­thodisch anders ausgerichteten Ansatz. Das Verfassungs- und Einleitungs­kapitel, die geistesgeschichtlichen Darlegungen verharren vielfach in der Beschreibung, die freilich wiederum ihren eigenen Wert hat. Auch er­scheinen einige Akzentsetzungen problematisch; so wird den bemerkens­wert ausgreifenden Ereignissen in der Steiermark der gleiche Raum ge­

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