Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

406 Günter Schödl bezogenen — Besprechung nötig zu sein, die Robert A. Kann in MÖST A 33 (1980) 492 f veröffentlicht hat. In der Untersuchung wird (1.) — entgegen einer Feststellung von R. A. Kann — die Reichsreformprogrammatik des Erz­herzog-Thronfolgers Franz Ferdinand von Österreich-Este keineswegs als tria- listisch charakterisiert, sondern als antidualistisch, zeitweise auch „groß-öster­reichisch“ (dazu S. 179 f, auch 194 f, 358 f); die wegen Quellenmangel hypothe­tischen Ausführungen (2.) über alldeutsch-deutschnationale Einflüsse in der Militärkanzlei des Thronfolgers beziehen sich sehr viel weniger auf die ,Ära‘ Broschs als auf diejenige Bardolffs (dazu unter anderem S. 177 f, 182 ff); die (3.) Einschätzung der Politik des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg (dazu unter anderem S. 218) bewegt sich durchaus im Rahmen der gegenwärtigen, allerdings kontroversen Fachdiskussion. IV In der neuesten internationalen Literatur über die alldeutsche Bewegung Österreichs ist kaum ein methodisches Hinausgreifen über die Grenzen narrativer Rekonstruktion zu beobachten. Die Bemühungen unter ande­rem Whitesides, Pulzers und van Arkels 161) um einen sozialhistorischen Zugang zur Nationalismus- und Antisemitismus-Problematik, die auf die frühen 60er Jahre zu datieren sind, haben keine entsprechende Nachfolge gefunden. Der Vorwurf methodologischer Stagnation darf allerdings nicht erhoben werden, ohne daß darauf hingewiesen wird, wie sehr ein Fortschreiten der sozialgeschichtlich-sozialpsychologischen Forschung durch den Man­gel an neuerer Grundlagenliteratur besonders zur Innenpolitik der späten Habsburgermonarchie behindert wird. Gerade was die cisleithanische Reichshälfte angeht, liegt weitaus weniger neuere Literatur vor als für den parallelen Entwicklungsabschnitt des Deutschen Reiches. Immerhin lassen einige wichtige Monographien von Hans Mommsen 162), Alfred Ab- leitinger163 *), Herbert Matis1M), Reinhard Knoll165 *), Diethild Harring- ton-Müller16B), Berthold Sutter 167) und mehrere Beiträge der bisherigen drei Habsburgermonarchie-Bände168) sowie die neuere Literatur zur i®') Die Leidener Dissertation van Arkels Antisemitism hebt sich durch ihre experimentelle Methodik vorteilhaft von der geschichtswissenschaftlichen Literatur über den deutschösterreichischen Antisemitismus vor 1918 ab. i«2) Mommsen Sozialdemokratie. ios) Alfred Ableitinger Ernest von Koerber und das Verfassungspro­blem im Jahre 1900 (Wien—Köln—Graz 1973). 104) Herbert Matis Österreichs Wirtschaft 1848—1913. Konjunkturelle Dy­namik und gesellschaftlicher Wandel im Zeitalter Franz Josephs 1. (Berlin [W] 1972). io®) Reinhold Knoll Zur Tradition der christlichsozialen Partei (Wien— Köln—Graz 1973). io«) Diethild Harrington-Müller Der Fortschrittsklub im Abgeord­netenhaus des österreichischen Reichsrats 1873—1910 (Wien 1972). io?) Sutter Sprachenverordnungen. 168) Die Habsburgermonarchie 1848—1918. Hg. von Adam Wandruszka und Peter Urbanitsch, 3 Bde (Wien 1973, 1975, 1980).

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