Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Alldeutsch-deutschnationale Politik 383 deutsche Bewegung zu ironisieren. Er trug — gewiß ungewollt — dadurch dazu bei, das — zumindest während der späten 80er Jahre, auch zwischen 1897 und 1901 sichtbar gewordene — beträchtliche Ausmaß von Resonanzchancen und ,Gesellschaftsfähigkeit‘ des extremen Nationalismus in Deutschösterreich voreilig herunterzuspielen, ohne daß es wirklich erklärt worden wäre. Einen frühen Erklärungsversuch unternahm Hugo Hantsch in seiner weitverbreiteten Geschichte Österreichss0). Er sah — dies sei hier der Kürze halber pointiert wiedergegeben — Liberale, Deutschnationale und Sozialdemokraten, letztlich alle politischen Gruppierungen, die nicht zum katholisch-,patriotischen“ Lager gehörten, als Erscheinungsformen einer Art gesellschaftlicher „Krankheit“30 31), der „Entchristlichung des Lebens“ 32). Als Resultate „jenes Auflösungsprozesses der Gesellschaft, den der Liberalismus eingeleitet hat“ 33), begriff er Materialismus und Individualismus, klassenkämpferischen wie auch nationalistischen Radikalismus. Die politische Praxis der alldeutschen Bewegung wurde durch den Hinweis auf „terroristische, unmoralische Methoden“34) charakterisiert. Im Vergleich zu den Alldeutschen erfuhren die übrigen (einflußreicheren) gemäßigten Gruppierungen des deutschnationalen Lagers durch Hantsch eine auffallend knappe und beiläufige Behandlung. Insgesamt treten die weltanschaulichen und politischen Voraussetzungen seiner Interpretation deutlich hervor. Ein Zugang zu den zentralen parteihistorischen Problemen von Organisation und Sozialstruktur, Programmbildung und gesellschaftlicher Funktion war damit noch nicht erreicht. Einen bemerkenswerten Fortschritt markieren die nachfolgenden Handbuchdarstellungen von Adam Wandruszka 35) und Erich Zöllner36 *). Dies nicht nur dank gleichmäßig proportionierter, wenn auch sehr knapper und zurückhaltend urteilender Behandlung der parteipolitischen Hauptströmungen der späten Monarchie. Darüberhinaus auch dank weiterführender, in engerem Sinne partéi- und sozialhistorischer Anregungen. Ein unbefangeneres Herangehen an schwierige Einzelfragen wie Massendemagogie und Antisemitismus im Wien der Ära Lueger wurde dadurch sicherlich für jüngere Historiker wesentlich erleichtert. Sozialreformeri- sche und modernisierende Bestrebungen, überhaupt das radikalliberalantimodernistische Doppelgesicht der frühen deutschnational-alldeut30) Hugo Hantsch Die Geschichte Österreichs 2 Bde (Graz—Wien 1937/ 1950, Bd 2: 41968). sl) Hantsch Geschichte Österreichs 2 (1950) 455. 32) Ebenda 447. 33) Ebenda 449. 3*) Ebenda 470. 35) Adam Wandruszka Österreich-Ungarn vom ungarischen Ausgleich bis zum Ende der Monarchie (1867—1918) in Theodor Schieder (Hg.) Handbuch der Europäischen Geschichte 6 (Stuttgart 1968) 353—399. 30) Erich Zöllner Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Wien 1961, 61979).