Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
COONS, Ronald E.: Reflections of a Josephinist. Two Addenda to count Franz Hartig's „Genesis der Revolution in Österreich im Jahre 1848”
230 Ronald E. Coons Bewegungen als „Sturm in einem Glase Wasser“ (dieß waren seine Worte) und schrieb sie den Maximen seines Collégén Metternich und den Zögerungen zu, welche der Erzherzog Ludwig20) in der Erledigung der Geschäfte eintreten ließ. In der That hatten diese beiden Mitglieder der Staatsconferenz keine Popularität. Man warf dem ersteren Hang zum Absolutismus, Begünstigung des Obscurantismus und Verschwendung der Staatsgelder für Aufrechthaltung des Princips der Legitimität in der äußeren Politik ohne ruhige Untersuchung vor, ob diese Vorwürfe gegründet seyen. Kolowrat hatte schon zu Lebzeiten des Kaisers Franz sich von seiner früheren Anhänglichkeit an Metternich losgesagt, wozu finanzielle Fragen den Anlaß gaben, indem er das Budget der Staatskanzlei mehr zu beschränken strebte, als es Metternich für die Beförderung des auswärtigen Dienstes zulässig erachtete. Der alte Kaiser sah einen Zwiespalt seiner Minister nicht ungern, indem er darin ein Mittel gegen Täuschung zu finden glaubte und durch sein Dazwischentreten den Streit zu beenden wußte. Unter seinem Nachfolger wäre dieß die Aufgabe des Erzherzogs Ludwig gewesen. Doch diesem mangelte hierzu die Entschlossenheit und wohl auch das Gewicht des persönlichen Ansehens — denn er war nicht Kaiser und unter seinen Brüdern der Jüngste. So geschah es, daß Gegenstände, worüber jene Minister uneins waren, und dieß geschah oft, in so lange unentschieden blieben, bis nicht durch das Dringen des Einen oder Anderen eine Entscheidung mühsam erpreßt wurde. Ein solches Verhältniß war dem nicht zur Geduld geneigten Character des Kolowrat unerträglich 21). Darum sprach er seine Abneigung gegen Metternich unverholen aus. Seine Gesinnung wurde von den Anhängern, welche er unter den ständischen Mitgliedern und Beamten hatte, mit kriechender Beistimmung vernommen. Schmeichler überredeten ihn zu glauben, daß die Dinge ohne Metternich weit besser gehen würden. Dieser Letztere konnte aber nur durch Erzherzog Ludwig seines Einflußes auf die inneren Angelegenheiten beraubt werden. Ein solcher Entschluß war von dem Erzherzog nicht zu erwarten ohne einen seine Unentschlossenheit mächtig erschütternden Impuls. Diesen sollten nun die Demonstrationen der niederösterreichischen Stände, der Studenten und Bürger geben. An eine Revolution, oder auch nur an eine Revolte dachte Niemand, am allerwenigsten Kolowrat, welcher seine behagliche Ruhe und gewohnte Bequemlichkeit viel zu viel liebte, um ein Ereigniß wünschen zu können, was solche auf lange stören mußte. Er gab sich in seiner Kurzsichtigkeit der Hoffnung hin, daß mit der Beschränkung des Einflußes und höchstens mit dem Rücktritte des Fürsten Metternich die bisher getheilte Macht ihm allein in die Hände fallen und dann Alles wieder beruhigt seyn würde. So verhehlte er die nahende Gefahr sich selbst und dem Erzherzog Lud20) Archduke Ludwig Joseph Anton (1784—1864) was the youngest surviving brother of Emperor Franz: see Wurzbach Lexikon 6 (1860) 447—449. 21) Crossed out noch weit lästiger als dem Ruhigen des Fürsten Metternich.