Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 35. (1982)
FINK, Manfred: Wiener Arbeiterjugend 1894–1914. Ein Beitrag zu ihrer Vereinsgeschichte
168 Manfred Fink IV Die Aktivitäten um die Gewerbeschulreform bezüglich der Forderung nach einer für die Lehrlinge akzeptablen Stirndenregelung wurden in die Darstellung über Wiener Jungarbeiterorganisationen einbezogen, weil diese die Abhängigkeit von Inhalten zu Vereinsstrukturen in besonderem Maße zu verdeutlichen vermögen. Nicht die Elemente Spiel, Sport oder Tanz, welche die Zeitlosigkeit von Unterhaltungs- und Geselligkeitsvereinen prägten und garantierten, waren die bindenden Strukturen, sondern Vorstellungen, die ein bewußtes Engagement „in der Sache“ voraussetzten. Organisatorische Unerfahrenheit und gesellschaftliche Ressentiments blockierten subjektiv, die Tatsache, daß dem vorgegebenen Anspruch gemäß die Mitglieder den Jugendorganisationen nur für einen begrenzten Zeitraum von wenigen Jahren zur Verfügung standen, verhinderte objektiv die Ausbildung fester Binnenstrukturen. Die Aufgabe, den Abgang von Mitgliedern immer wieder durch Neuzugänge zu ergänzen, stellte die Vereinsleitungen vor das Problem des „permanenten Engagements“. Abschließend sollen jene Elemente, die den Ausbüdungsprozeß im Zuge der Entwicklung von organisatorischen Klein- und Frühformen bis zu voll funktionsfähigen Jugendverbänden prägten, hervorgehoben und zu allgemeinen Aussagen und Thesen zusammengefaßt werden: 1. Festzustellen ist, daß ursprünglich regional beschränkte Organisationen (Wiener Verein, Orel) dazu neigten, ihre Tätigkeit räumlich zu erweitern, wobei dieser Prozeß vor allem dann sicht- und spürbar wurde, als die Eigendynamik verloren ging und die binnenstrukturelle Entwicklung zu stagnieren drohte. Die Verbindung zu größeren Einheiten, zu Verbänden und Bünden kaschiert selten den organisatorischen Selbstzweck. Die Durchsetzbarkeit von Anliegen der „gemeinsamen Sache“ (Gewerbeschulreform) wurde bewußtseinsmäßig mit der Größe von Organisation und Mitgliederzahlen in Beziehung gesetzt. Dieser Vorstellung fielen weite Bereiche der Autonomie zum Opfer, zumal stets Entscheidungsbefugnisse an die übergeordnete Einheit delegiert werden mußten. 2. Konkrete Zielsetzungen dominieren die Aktivitäten organisatorischer Kleinformen, während Verbände und Bünde Problemstellungen und -lösun- gen stärker programmatisch systematisieren. Die letztlich spontane Basis der Forderung nach Abschaffung des Nacht- und Sonntagsunterrichtes wich einem Komplex von Vorstellungen, in den die Gewerbeschulreform als ein Anliegen unter anderen eingebettet wurde. 3. Programme wiederum zwingen zu gesellschaftspolitischen Aussagen, die in Anlehnung und Übernahme von Parteistrukturen münden können. Wie stark Organisationen dadurch beeinflußt und „bewegt“ wurden, zeigten die von der totalen Eingliederung ins Parteistatut („Verband der jugendlichen Arbeiter Oesterreichs“) bis zu subtüeren Möglichkeiten der Einflußnahme (Konflikt Orel—Kunschak) reichenden Integrationsmodelle.