Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

DIENST, Heide: Niederösterreichische Pfarren im Spannungsfeld zwischen Bischof und Markgraf nach dem Ende des Investiturstreites

40 Heide Dienst Erzbischof verjagt worden seien, wie Gerhoch von Reichersberg, der kom­promißlose Verfechter der Vita apostolica für alle Kleriker, 1135 befriedigt feststellte147). Eine der letzten Gemeinschaften, in der Weltgeistliche von Regularen abge­löst worden sind, war die von Klosterneuburg148). Vielleicht mag es zutref­fen, was im Selbstverständnis der neuen Gemeinschaft nach einem Menschenalter formuliert wurde, daß nämlich die alten Kanoniker den Got­tesdienst allzu schlampig und oberflächlich versehen hätten149), ausschlagge­bend für ihre Vertreibung war dieser Umstand gewiß nicht. Otto, der spätere Bischof von Freising, als Chef des Familienstiftes ausersehen, war 1132 Zi­sterzienser in Morimond geworden. Für die Stiftung mußten andere Lösun­gen gefunden werden, die ihr eine möglichst große Unabhängigkeit vom Diö- zesanbischof und damit eine größere Verfügbarkeit für den Markgrafen si­cherten, der neben der Kirche repräsentative Wohngebäude („Pfalz“) errich­ten ließ150). Dieses Ziel ließ sich erreichen auf dem Weg der Reform, der Bin­dung an den Größeren, den Erzbischof, den Papst, auch durch die Propa­ganda der Reform-Ideologie als Motivation für kirchliche Maßnahmen. Erz­bischof Konrad und sein Suffragan und bester „Politiker“ Roman von Gurk vollzogen das Reformwerk: Der ehemalige Domdekan von Salzburg und Mit­streiter der beiden, als Propst von Chiemsee Archidiakon für eine Reihe von Landpfarren in der Umgebung dieses Stiftes, Hartmann, wurde neuer Propst von Klosterneuburg151). Soweit wir sehen, war Bischof Reginmar von Passau zwar anwesend, hatte aber auf die Gestaltung des Reformwerkes keinen Ein­fluß. Der Erzbischof vermittelte den päpstlichen Schutz, auch ein umfangrei­ches Papstprivileg in der kritischen Zeit nach dem Tod des Markgrafen, was den Passauer Bischof Reginbert 1139 zu der mahnenden Bemerkung veran­laß te: „Hoc autem, quod apostolicis insertum est privüegüs, fratres nostros, si fratres esse voluerint, oportet observare, ut quamvis ad Romanam sedem respiciant, meminerint tamen Pataviensi episcopo, in cuius parrochia positi sint, debitam reverentiam, hono­rem et obedientiam exhibere“152). Mit Konrad verbanden den Babenberger Leopold durch längere Zeit gleiche politische Ansichten und gegenseitige Unterstützung: Zunächst begrüßten sie 147) Classen Gerhoch 61. 148) Das Chronicon pii marchionis (MG SS 9 611) nennt als Salzburger Erzbischof für das Jahr 1133 Eberhard, ein für die Kritik der Quelle wichtiges Detaü; 1. c. 613 wird anläßlich der Erwähnung der Einweihung der Stiftskirche 1136 richtig Konrad genannt. Zur Sache vgl. Stefan Weinfurter Salzburger Bistumsreform und Bischofs­politik im 12. Jahrhundert (Kölner historische Abhandlungen 24, 1975) 80f. 149) MG SS 9 611. 150) Vgl. demnächst eine größere Publikation von Hans Ubl; Vorbericht wie oben Anm. 99. 151) Sparber Hartmann 20ff; über das Trio Konrad, Roman, Hartmann vgl. Classen Gerhoch 66f und passim; vgl. auch Trad. Reichersberg 32 (UBoE 1 294); Zeillinger Konrad I. 36ff. ,s2) Schönsteiner Freiheitsbriefe 23 n. VI.

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