Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

KLEINMANN, Hans-Otto: Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten

188 Hans-Otto Kleinmann befund widerspricht53). Daß die Kaiserin-Königin auf Anraten des Staats­kanzlers dem nordamerikanischen Emissär, der in Wien Verhandlungen über den naturgemäß die völkerrechtliche Anerkennung des neu gegründeten Staatswesens involvierenden Abschluß eines Freundschafts- und Handelsver­trages aufzunehmen suchte, eine Audienz verweigerte, war nicht Ausdruck einer „fast feindseligen Haltung“ gegenüber den Amerikanern54), sondern ein ganz normales Verhalten, wie es den völkerrechtlichen Grundsätzen der Zeit entsprach und ebenso in Berlin wie in Madrid geübt wurde. Hinzu kam die besondere außenpolitische Lage: Österreich hatte im An­schluß an den Frieden von Teschen 1779, der durch eine französisch-russi­sche Vermittlung zustande gekommen war, seinerseits - gemeinsam mit Ruß­land - die Mediation im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg angeboten, ein Schritt, der mit der doppelten Absicht geschehen war, sowohl das Ver­hältnis zum Zarenreich wieder enger zu gestalten, als auch entsprechend der Konzeption einer Absonderung des atlantischen Machtringens von der euro­päischen Politik ein Übergreifen des See- und Kolonialkrieges auf Konti­nentaleuropa zu verhindern. Eine völkerrechtliche Anerkennung der Verei­nigten Staaten durch den Wiener Hof verbot sich also schon deshalb, weil sie mit der Unparteilichkeit des österreichischen Vermittleramtes nicht zu ver­einbaren gewesen wäre. In diesem Sinn ist auch die ohne ein Wort der Miß­billigung des amerikanischen Aufstandes formulierte Mitteilung Maria There­sias an Mercy in Paris zu interpretieren, daß es für sie „nicht passend“ sei, „in dem jetzigen Augenblick [31. Mai 1778] nach dem Beispiele Frankreichs diese Unabhängigkeit anzuerkennen“55). Joseph II. gar hat in seinen „Vor­schlägen zu Herstellung des Frieden zwischen England und Frankreich“ vom 28. Juli 17 7 9 56) gerade eine zwischen der Kaiserin-Königin und dem König von Großbritannien zu vereinbarende „Anerkennung der Amerikanischen In- dependenz, so ganz gewis von den mehrsten übrigen Europäischen Staaten hierauf befolget würde“, als das geeignete Mittel empfohlen, um die Aussöh­nung der britischen Krone mit den Amerikanern herbeizuführen. In die „In­53) Auf Alfred von Arneth Geschichte Maria Theresia’s 10 (Wien 1879) 260f geht diese Behauptung zurück; auf ihn bezieht sich Hanns Schiitter Beziehungen Öster­reichs zu Amerika (Innsbruck 1885) 3f; auf diesen wiederum Rudolf Friebel Öster­reich und die Vereinigten Staaten bis zum Gesandtenaustausch im Jahre 1838 (phil. Diss. Innsbruck 1955) 20; Robert Rie Die Entwicklung der Anerkennungspolitik der Vereinigten Staaten von Amerika im 18. und 19. Jahrhundert in Archiv des Völker­rechts 5 (1955/56) 265—285, 279 zieht eine Äußerung des Staatssekretärs Daniel Web­ster aus dem Jahr 1851 über die Behandlung des Emissärs Lee am Wiener Hof heran. Über die Anfänge der österreichisch-nordamerikanischen Begegnungsgeschichte und den sich dabei ergebenden Widerstreit von kommerziellen Interessen und diplomati­schen Vorbehalten zuletzt zusammenfassend Anna Hedwig Benna Österreichs erste diplomatische Vertretung bei den Vereinigten Staaten von Amerika in MÖStA 29 (1976) 215-240. 54) So Friebel Österreich und die Vereinigten Staaten 20. 55) Nach Arneth Geschichte Maria Theresia’s 10 261. 56) Nota Augustissimi: StK Vorträge 129 (Vorträge VII—VIII 1779) fol. 65-68.

Next

/
Thumbnails
Contents