Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

AULINGER, Rosemarie: Kundschafterberichte über den Aufmarsch der Türken am Balkan 1532. Meldungen an den Reichstag

Kundschafterberichte über den Aufmarsch der Türken am Balkan 1532 165 durch ein personell und materiell immer aufwendigeres Spitzelsystem wird versucht, die Absichten des Gegners zu erkunden, um die eigenen Pläne da­nach einrichten zu können und entsprechende Gegenmaßnahmen zu treffen. Zwar kennt der Feind diese Intentionen - er arbeitet ja mit ähnlichen Me­thoden - läßt aber die Agenten, sofern sie nicht allzu große militärische Ge­heimnisse erfahren, Weiterarbeiten oder versucht, diese für seine Sache zu gewinnen, d. h. „umzudrehen“. Schon im 16. Jahrhundert wurde nach dieser Konzeption gearbeitet893): Sowohl Österreicher als auch Türken entsandten möglichst unverdächtige, aber vertrauenswürdige Personen hinter die feind­lichen Linien, die vor allem darauf bedacht sein sollten, das müitärische Po­tential zu erkunden und die Möglichkeit unvermuteter Angriffe herabzuset­zen. Daß sich dieser Vorgangsweise nicht nur die Österreicher bedienten, zeigt die Tatsache, daß man in der Nähe von Wien - während der Belagerung von Güns - Türken gefangennehmen konnte, die zweifelsfrei als Spitzel über die Vorbereitungen zum Krieg im Reich und in Österreich angesetzt waren. Überdies konnte es dem Sultan nur erwünscht sein, wenn Kundschafter von einem größeren Heer berichteten, als es tatsächlich der Fall war; eine Vor­wegnahme der organisierten Desinformation, mit dem Effekt der Einschüch­terung. Dennoch ist gerade bei den besprochenen Berichten vorauszusetzen, daß es sich nicht um die strengsten Geheimnisse handelte, die die Kund­schafter nach Deutschland übermittelten, da ein Kriegszug und seine um­fangreichen Vorkehrungen im wesentlichen nicht geheimgehalten werden konnten, in vielen Fällen sogar durch offizielle Kriegserklärungen angekün­digt wurden. Zwar wußte man über die Stärke des türkischen Heeres im all­gemeinen Bescheid - man hatte ja immer wieder in Schlachten davon erfah­ren - dennoch waren diese Meldungen als Bestätigung für die Vorbereitun­gen durch König Ferdinand und Kaiser Karl V. - insbesondere für die An­träge an die Reichsstände um Stellung eines schlagkräftigen Heeres - von nicht geringer Bedeutung. Vor allem die Stoßrichtung des Angriffes sowie die Anzahl der Geschütze für etwaige Belagerungen mußten in Erfahrung ge­bracht werden. Vieles blieb bei der Musterung des türkischen Heeres gleich: Dem Beschluß des Sultan folgten drei Einberufungsbefehle an die Sandschake; diese hatten daraufhin eine bestimmte Anzahl von Soldaten in ihren Gebieten auszuheben und auszurüsten. Die Paschas der einzelnen Provinzen standen schließlich selbst als Oberbefehlshaber an der Spitze ihrer Truppen. Jene Gebiete, die nahe der zu bekriegenden Länder lagen, waren auch verpflichtet, Proviant, Munition und anderes in das Aufmarschzentrum - in unserm Fall nach Bel­grad - zu bringen und den weiteren Transport der Waren zu Wasser oder zu Land zu überwachen, d. h. Schiffe oder auch Ochsenkarren bereit zu halten und dafür zu sorgen, daß der Vorrat für den ganzen Feldzug ausreichte. Die 89a) Vgl. Zontar Obvescevalna sluzba bes. 194ff. Hatte man feindliche Kund­schafter festgenommen, hoffte man von diesen nähere Angaben über die Pläne des Gegners zu erhalten: vgl. auch das Verhör der Türken 1532 (Anm. 89).

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