Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“

506 Gottfried Mraz Messineo eine tiefschürfende Analyse und ein vernichtendes Urteil über die nationalsozialistische Staats- und Religionsauffassung16). Eine Möglichkeit zur Kooperation zwischen Christentum und Nationalsozialismus war un­denkbar geworden. Universale christliche Weltkirche und Rassismus stehen in unaufhebbarer Opposition zueinander, weil die zentrale Realität, der ab­solute Wert der neuen Weltanschauung nicht Gott, sondern der Mensch ist, und nicht einmal der Mensch an sich, sondern das germanische Blut und Deutschland, die zum Objekt des Glaubens und der fanatisierten Verehrung geworden sind17). Eine Konkretisierung des nationalsozialistischen Gedankengutes in der Sphäre des Rechtes war die eugenische Gesetzgebung zur Verhütung erb­kranken Nachwuchses. Die Civiltä Cattolica ließ sich allerdings mit der Ver- urteüung dieses Gesetzes Zeit bis zu seinem Inkrafttreten am 1. Jänner 1934. Der Grund mag darin liegen, daß das Gesetz noch wenige Tage vor der Un­terzeichnung des Konkordates (20. Juli 1933) am 14. Juli beschlossen worden ist. Im Jahr 1934 veröffentlichte jedoch der spanische Jesuit Ulpiano Lopez in der Civiltä Cattolica zu dieser Thematik eine Artikelserie18), die die hinter diesem Gesetz stehende absolut totalitäre Staatsauffassung schärfstens ver­urteilte. Diese lasse es möglich erscheinen, so meinte er, daß der Staat zum Wohl der Rasse nicht allein die Sterilisation, sondern geradewegs ,,1’elimina- zione degli individui organicamente o psichicamente viziati“ verlangen kön­ne 19). Wenn auch an der grundsätzlichen Ablehnung des rassistischen Gedanken­gutes durch die Civiltä Cattolica nicht gerüttelt werden kann, so verdient dennoch die Tatsache festgehalten zu werden, daß es die Zeitschrift bis zum Beginn der antijüdischen Gesetzgebung in Italien im Jahre 1938 und bis zum 16) Mraz Kirche 211—226. Es handelt sich dabei um die beiden Aufsätze von Anto­nio Messineo La concezione dello Stato nel Terzo Reich in CC 1934-11 345-360 und La nuova religione della razza in CC 1934-III 225-239. 17) Messineo schreibt dazu: „La tragica opposizione tra fede cristiana e fede ger­manica sta racchiusa in questi due semplici termini: Dio e nazione, Dio trascendente e divino immanente nella razza. Hitler ha espresso la stessa professione di fede quando diceva: noi non vogliamo avere altro Dio ehe la sola Germania“ (CC 1934-III 233). Das Hitlerzitat stammt aus dem Bayerischen Kurier n. 142 (1929). 18) Mraz Kirche 246—256. Es handelt sich um drei Artikel: Difesa della razza ed etica cristiana I, II in CC 1934-1 574—587 und CC 1934-11 27-42, sowie Razzismo e Cri- stianesimo di fronte ai malati ereditari in CC 1934-11 237—252. 19) CC 1934-H 27. López faßt den Widerspruch der eugenischen Gesetzgebung zur Lehre der Kirche und insbesondere zu den Aussagen Pius’ XI. kurz zusammen: „Dun- que la sterilizzazione é riprovata in se stessa; e perché priva l’innocente della facoltä generativa, e perché ne mutila il corpo, é tutto questo fatto per un fine estrinseco all’individuo. Ora tutto ciö evidentemente si verifica, tanto nella sterilizzazione euge- nica quanto in quella che si vorebbe chiamare di ,stato di difesa“ (Notstandssteri­lisation); che anche la difesa della stirpe é un fine estrinseco all’individuo. Del resto, se non bastassero le circostanze in cui fu promulgata l’Enciclica e il tenore stesso déllé parole, le espressioni del Santo Padre nel discorso natalizio e l’esplicito accenno alia ,Casti connubii“ bastano a dissipare qualunque ombra di dubbio“ (CC 1934-1 586 f).

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