Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“

504 Gottfried Mraz I Notwendigerweise mußte die Civiltä Cattolica in der Zeit zwischen den bei­den Weltkriegen auch der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland ihre Aufmerksamkeit schenken. Es verdient hier festgehalten zu werden, daß sich die allerersten Nachrichten ausführlicherer Art in den Korresponden­tenberichten aus Österreich finden, die in den Jahren 1923 und 1925 erschie­nen10). Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Parteiprogramm der NSDAP erfolgte aber erst im Jahre 1931, veranlaßt durch den großen und durchschlagenden Erfolg der Hitlerpartei bei den Wahlen zum deutschen Reichstag im Jahre 1930. Sie stammte aus der Feder von Mario Barbera11), nachdem sich schon die „Cronaca contemporanea“ mit der Zusammenset­zung des neugewählten Parlaments unter der Rücksicht der Bildung einer re­gierungsfähigen Mehrheit mit besonderem Augenmerk auf die relativ gefe­stigte Stellung der Zentrumspartei beschäftigt hatte12). Der unerwartet große Erfolg der NSDAP bewog die deutschen Bischöfe zu grundsätzlichen Erklärungen hinsichtlich der Ziele und der weltanschauli­chen Grundposition des Nationalsozialismus, ohne daß es jedoch zu einer gemeinsamen Stellungnahme des deutschen Episkopates gekommen wäre. Barbera ging auf die Ursachen dieser Zerrissenheit nicht ein, sondern sprach nur allgemein von der unter den Katholiken Deutschlands herrschenden Verwirrung angesichts der Zweideutigkeit vieler wichtiger Punkte im natio­nalsozialistischen Parteiprogramm. Wenn auch die Civiltä Cattolica nicht umhin konnte, den Punkt 24 des Par­teiprogramms, der sich mit der Stellung der NSDAP zur Religion befaßte, kritisch zu beleuchten, den Passus über die Religionsfreiheit als ungenügend zu bezeichnen und die Frage nach dem Wesen des von der NSDAP für sich reklamierten sogenannten „positiven Christentums“ zu stellen, so enthielt sie sich doch in auffallender Weise einer allgemeinen Verurteilung des National­sozialismus. Die katholische Zentrumspartei fand bei Barbera keineswegs die klare Unterstützung, die man hätte erwarten können. Hingegen wurden die den Nationalsozialismus eher positiv beurteilenden Strömungen im katholi­schen Deutschland, die beispielsweise in der von Joseph Eberle redigierten Zeitschrift Schönere Zukunft ein Sprachrohr besaßen, nicht korrigiert, wäh­rend Barbera der die Hitlerbewegung scharf ablehnenden Richtung unter den Katholiken in Deutschland, etwa vertreten durch die von Georg Moenius herausgegebene Allgemeine Rundschau, nur eine geringe Breitenwirkung zu­billigte 13). 10) Mraz Kirche 115, 165; CC (= Civiltä Cattolica) 1923-11 182-188, CC 1925-IV 371-381. 11) Mario Barbera II „Nazionalsocialismo“ in Germania in CC 1931-11 309-327. 12) Mraz Kirche 165-170. 13) Ebenda 180-182. Zur Haltung der Zeitschriften Schönere Zukunft und Allge­meine Rundschau vgl. die Arbeit von Klaus Breuning Die Vision des Reiches. Deut­

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