Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Otto F. WINTER: Die italienische Kriegsarchivdelegation nach dem Ersten Weltkrieg

Die italienische Kriegsarchivdelegation 443 ser am 27. Jänner 1919 gebildeten bevollmächtigten Kollegium für die Liqui­dierung des k. u. k. Kriegsministeriums unterstellt3). Gegen die in diesem Gremium zunächst vorherrschende Vorstellung einer Aufteilung des Kriegs­archivs vertrat der Direktor in einem Bericht vom 6. Februar 1919 mit Nach­druck die Erhaltung des Instituts, wobei er jedoch durchaus realistisch die Möglichkeit der Abgabe von Einzelakten oder keinerer Teilbestände an an­dere Staaten, ja sogar der Internationalisierung im Standorte Wien oder aber der Abgabe geschlossener Körper der einzelnen Zentralarchive an die Natio­nalarchive der einzelnen Nachfolgestaaten einräumte; auch die Anfertigung von Abschriften für die Nationalarchive wurde in Erwägung gezogen. In die­sem Bericht wird erstmals von Archivdelegierten gesprochen: „Erhebungen untergeordneter Natur müßte das Wiener Archiv durchführen. Zu diesem Zweck und zur Vermittlung des Verkehrs mit den Nationalarchiven wäre die Delegie­rung von Archivaren geboten, die ständig dem Wiener Archiv zuzuteilen wären und hier alle Arbeiten für ihren Staat und ihre Staatsangehörigen durchzuführen hätten.“ Schon am 18. Februar erfolgte eine Anfrage des Staatsamtes für Heerwesen bzw. des liquidierenden Kriegsministeriums an das Bevollmächtigtenkolle­gium, ob es bereit sei, das Kriegsarchiv als gemeinsames Institut der Nach­folgestaaten anzuerkennen. Nach einer negativen Stellungnahme erging je­doch im Gefolge einer Besprechung des Direktors mit Oberst Theodor Körner ein Erlaß vom 29. März, der die Übernahme des Kriegsarchivs durch den österreichischen Staat „in etwas geänderter Form“ in Aussicht nahm4). Da­mit waren die Weichen für ein Verbleiben bei Österreich gestellt, eine Lö­sung, der man in österreichischen Regierungskreisen aus finanziellen Erwä­gungen nicht sehr geneigt gewesen war. Die Zugriffe verschiedener Nachfolgestaaten auf Archivalien, namentlich durch die italienische Waffenstillstandskommission im Jänner 1919, denen angesichts der Androhung wirtschaftlicher Repressalien unter Rechtsvorbe­halt entsprochen wurde5), machten die Notwendigkeit einer Kontaktnahme mit den anderen Archiven von Zentralstellen deutlich. Professor Oswald Redlich hatte mit führenden Archivfachleuten ein Promemoria über die Be­3) Ursula Freise Die Tätigkeit der alliierten Kommissionen in Wien nach dem 1. Weltkrieg (phil. Diss. Wien 1963) 59; Ludwig Bittner Die zwischenstaatlichen Verhandlungen über das Schicksal der österreichischen Archive nach dem Zusammen­bruch Österreich-Ungarns in Archiv für Politik und Geschichte, 3. (8.) Jahr, Heft 1 (Jänner 1925) 66 Anm. 2; Inventar des Kriegsarchivs 1 159f; Maximilian von Hoen Chronik des Kriegsarchivs (Handschrift in der Registratur des Kriegsarchivs) III 38 f. 4) Hoen Chronik III 44ff bzw. Beilage 27. s) Ebenda 39, 117ff; Registratur des Kriegsarchivs ZI. 229/1919; Bittner Die zwi­schenstaatlichen Verhandlungen 66f. - Dazu allgemein Johann Rainer Die italieni­sche Militärmission in Wien 1918-1920 in Festschrift Hermann Wiesflecker zum 60. Geburtstag (Graz 1973) 267-280. Der im Rahmen der Militärmission aus Fachleu­ten gebildeten Kunstkommission war die Auffindung und Rückführung aus Italien verbrachter Kulturgüter, darunter auch Archivalien, übertragen: 273; Johann Rainer Die Rückführung italienischer Kulturgüter aus Österreich nach dem Ersten Weltkrieg in Alpenregion und Österreich. Geschichtliche Spezialitäten (Innsbruck 1976) beson­ders Abschnitt 5 „Archivalien“ (10 f) mit weiterer Literatur.

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