Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

432 Kurt Peball gung und des Hasses mit mehr oder weniger begründeten Wünschen zu einem politi­schen Programme vereinigen, das nie auf seine faktische Erfüllbarkeit geprüft wird, dessen einzelne Teile in unlösbarem Widerspruch zu einander stehen und das nur scheinbar auf ein einheitliches großes Ziel gerichtet ist. Aus dieser Summe von persönlichen und politischen Stimmungen heraus wurde der Entschluß zur Offensive gegen Italien geboren - dies um so leichter, als in der maßge­benden Umgebung des Generalstabschefs kein ernster, weitsichtiger, charaktervoller Mann ist, sondern alle ihn auf seinen Abwegen begleiten und ihn bestärken, davon nicht abzuweichen. Wie der Entschluß zum Vormarsch gegen Italien zustandekam, ist bereits geschildert. Er war ohne Einvernehmen, ja hinter dem Rücken der deutschen Heeresleitung gefaßt und vorbereitet worden. Daß dieses System der Unternehmungen auf eigene Faust von Falkenhayn initiiert worden war, ist dabei gleichgiltig, denn die Verdun-Offensive kompromittiert den Feldzug nicht; erst die zweite Separataktion brachte uns die Gefahren. Und was ist jetzt erreicht? Weiter vorwärts kommen wir nicht mehr und müssen uns — nach Verminderung unserer Kräfte - auf die neuerliche Defensive einrichten. Diese aber wird sich in der Linie, die wir derzeit im „Astico“ einnehmen, kaum bewerkstel­ligen lassen. Ich gewärtige, daß man den schmerzlichen Entschluß wird fassen müssen, einen Teil der eroberten Stellungen aufzugeben und sich auf die jenseitigen Ufer der Posina und des Astico zurückziehen. Wenn man nur dort wird halten können! Die Ita­liener schieben dorthin, was sie haben. Welche moralischen Wirkungen dies auf unsere Feinde in der Richtung der Aufmunte­rung und auf unsere schwer genug belastete Bevölkerung in der Richtung der Depres­sion ausüben wird, will ich hier nicht erörtern. Die Summe des Unternehmens wird aber - auch ohne Okna und Luck - ein Fiasko sein. Ich fasse kurz zusammen: 1. Die großen operativen, strategischen Gedanken unseres Generalstabschefs sind mei­stens an sich gut und nur hinsichtlich ihrer Durchführbarkeit zweifelhaft. 2. Die Prüfung seiner Entschlüsse auf ihre Realisierbarkeit muß im Einvernehmen mit dem deutschen Generalstab erfolgen, dem bei der operativen Ausarbeitung und Durch­führung ein entscheidender Einfluß eingeräumt werden muß. 3. Alle weiteren kriegerischen Unternehmungen können nur mehr im engsten Einver­nehmen der beiden Heeresleitungen im Hinblicke auf das einheitliche Kriegsziel, die sukzessive Niederringung der Gegner, beschlossen werden. Jeder selbständige Ent­schluß muß als prinzipiell ausgeschlossen gelten. . . .37). 37) Der Rest des Schreibens befaßt sich ausführlich mit den Ereignissen an der Ost­front im Zusammenhang mit der Brussilov-Offensive. Wiesner kommt dabei zu dem Schluß: Die primäre Ursache des Unglücks im Osten liegt zweifellos in der mangeln­den Widerstandskraft der Truppen. Die Legende vom Verrate böhmischer und rutheni- scher Regimenter, die immer wieder auftaucht, ist diesmal barer Unsinn. Die Stellun­gen der Truppen genossen berechtigterweise den Ruf der Uneinnehmbarkeit (bei ande­ren Armeen haben dieselben Stellungen das Trommelfeuer ausgehalten und die Trup­pen ausreichend geschützt: z. B. bei einer Division der 2. Armee zwei Tote). Da die bei Okna durchbrochene Division — wie ich allseits höre — die Entschuldigung eines über­mächtigen Infanterieangriffes für sich geltend machen kann, ergibt sich die Frage, warum gerade bei der 4. Armee so rasche Demoralisierung einriß. Wie erst jetzt be­kannt wird, hat im Bereiche dieser Armee ein monatelanges Friedensleben geherrscht, in dem Jagd und Spiel sowie andere vergnügliche Sachen den Tag ausfüllten und die Nacht belebten — eine Lebensführung, in der die Armee ihre Kriegstüchtigkeit einbüß­te. Dieses Capua in den wolhynischen Sümpfen war verschärft durch die Tatsache, daß viele ungeübte Truppen eingefüllt worden waren, die einer steten Übung bedurft hät­ten, die auf den Feind hätten dressiert werden müssen, um im gegebenen Momente zu handeln, und das war nicht geschehen. Bei der 2. und 7. Armee war es anders. Und

Next

/
Thumbnails
Contents