Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

424 Kurt Peball offensive verbundenen Schwächung der österreichischen Verbände an den anderen Fronten. Diese betraf am meisten die Fronten am Isonzo und am Balkan, woraus Eliteverbände nach Südtirol abgezogen wurden. An der Ost­front trat - rein zahlenmäßig gesehen - keine bedeutende Schwächung ein. Conrad stellte selbst in einer Lagebeurteilung vom 11. Mai 1916 fest17): „An unserer russischen Front stehen vom Pripjet bis zur rumänischen Grenze unserer­seits 570.000 Gewehre (davon 13.000 Deutsche) auf 450 km gegen 590.000 bis 600.000 russische Gewehre; ein russischer Angriff ist unter diesen Verhältnissen aller Voraus­sicht nach aussichtslos. Das Kalkül hat ergeben, daß das Konzentrieren russischer Di­visionen (bei Entnahme von anderen Fronten) auf 90 km Angriffsfront vier Wochen er­fordern würde. Anzeichen für dieses Konzentrieren fehlen, ja im Gegenteil, die Russen versammeln starke Kräfte zum Angriff nördlich der Polesie (Dünaburg, Smorgon) ge­gen Wilna. Jetzt schon, insbesondere nach Einziehen der Mai-Ersätze (20. Mai), wird es daher möglich werden, aus unserer russischen Front weitere Divisionen herauszu­ziehen, um sie zur Konzentrierung gegen einen örtlichen russischen Angriff oder an einer anderen Front bereitzuhalten. Dabei ist in erster Linie an die italienische Front gedacht, in weit größerer Ferne an den Balkan und Rumänien.“ Aus den Operationsakten der österreichischen Ostfront und der russischen Südwestfront wird das dortige Kräfteverhältnis noch deutlicher. Ende Mai besaß die österreichisch-ungarische 4. Armee 600 Geschütze gegenüber 704 Geschützen der russischen 8. Armee; das Stärkeverhältnis betrug hier 150.000 Österreicher gegen 200.000 Russen18). Bei der österreichisch-ungari­schen 7. Armee war das Verhältnis sogar noch etwas günstiger. Hier standen 107.000 Österreicher gegen 150.000 Russen der russischen 9. Armee gegen­über; die Russen besaßen hier zwar eine geringe Überlegenheit an leichter Artillerie, an schwerer Artülerie hatten sie aber nur 47, zum größten Teil veraltete Kanonen, während die Österreicher über 150 mittlere und schwere Geschütze verfügten19). Auf Grund dieser Lagebeurteilungen wurden Warnungen vor einem zu gro­ßen Risiko bei der Südtiroloffensive abgeschwächt. So hatten Generaloberst v. Falkenhayn und andere deutsche Offiziere, aber auch das Heeresgruppen­kommando in Bozen, wiederholt auf die Möglichkeit rascher italienischer Truppenverlegungen von der Isonzofront hingewiesen; die „Rußlandgruppe“ im AOK hatte wiederholt vor einer weitgehenden Schwächung der Ostfront gewarnt und bereits Mitte Mai ununterbrochen entschlüsselte russische Funksprüche vorgelegt, aus denen nicht nur eindeutig ein geplanter russi­scher Großangriff an der österreichischen Ostfront hervorging, sondern auch der genaue Tag des Angriffes20). Wiederholt wurde außerdem von den örtli­17) Zitiert aus Conrads Denkschrift Genesis der Lage gegenüber Italien. Lage An­fang Mai (KA AOK Op. Nr. 24.915 von 1916 Mai 11, Abschrift). ls) Vgl. KA Neue Feldakten, 4. Armeekommando Fasz. 165: Situationsmeldungen aus Op. Nr. 325.1335 von 1916 Februar 6 — Juni 7 und Fasz. 166: Tagebuch des Armee­kommandos 1916 Februar 10 - Juni 19 und Stone The Eastern Front 244-246. 19) Vgl. KA Neue Feldakten, 7. Armeekommando Fasz. 134: Tagebuch der Armee­kommandos 1916 Februar 10 — Juni 19 und Fasz. 135: Lagekarten: Gesamtsituation, eigene und feindliche, und Stone The Eastern Front 247-251. 20) Vgl. Heinrich Benedikt Wie es zur Katastrophe von Luck kam in Beiträge zur

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