Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

416 Ernst Rutkowski warb21). Im April 1916 an die Isonzofront verlegt, geriet er am 7. August 1916 kurz vor Aufgabe des Görzer Brückenkopfes in Gefangenschaft. In den verschiedenen Lagern, die er durchlief, wurde er meist zu Kanzleiar­beiten herangezogen und hatte über die Behandlung nicht zu klagen. Trotz­dem fühlte er sich als Gefangener sehr unglücklich; die Freiheitsberaubung bedrückte ihn, die strenge Bewachung machte ihn nervös, und die Sehnsucht nach der Heimat wurde von Woche zu Woche stärker. Er war Tscheche, ver­weigerte aber beharrlich den Beitritt zur tschechischen Legion. Im Frühjahr 1918 meldete er sich zur Arbeit. Nach einigen anderen Verwendungen wurde er mit einer Arbeitspartie in der Nähe von Montebelluna mit der Räumung eines nahe der Front gelegenen, zerschossenen Fabriksgeländes beschäftigt. Das ging so vor sich, daß Lastkraftwagen, die Munition zur Front brachten, auf der Rückfahrt mit dem von den Gefangenen bereitgestellten Material be­laden wurden, um es zur weiteren Verwertung in die Etappe zu bringen. Auf einen besseren Zeitpunkt zur Flucht glaubte er nicht mehr warten zu sollen, zumal er als guter Schwimmer keine Angst vor der Piave hatte. Am 31. August 1918 hatte er Nachtschicht. Um Mitternacht kam wie üblich die Munitionskolonne und hielt zufälligerweise unmittelbar vor der Fabrik. Tolar näherte sich wie beiläufig einem Wagen, hob die Plane hoch und kon­statierte, daß nur Kisten, aber keine Soldaten auf der Ladefläche waren. Be­hende schlüpfte er, ohne vom Lenker und dem Beifahrer bemerkt zu werden, unter die Plane, und bald darauf fuhr der Wagen weiter. Nach etwa 20 Mi­nuten gab es einen Aufenthalt, weil bepackte Maultiere die Straße blockier­ten. Tolar glitt vom Auto, verschwand im Gebüsch und wartete, bis es abge­fahren war. Dann hielt er im Gelände Umschau und sah in einiger Entfer­nung die Wasser der Piave glänzen. Aus den Erzählungen seiner Bewacher wußte er, daß in diesem Abschnitt keine Stellungen waren, sondern nur ein­zelne Posten standen, die ihren Dienst sehr lässig versahen. Er vergewisserte sich, daß sie auch in dieser Nacht ruhig schliefen, schlich zum Ufer und be­gann mit Hilfe einer Holzstange die Durchquerung des Flusses. Zu seiner Überraschung war die Piave so seicht, daß er gar nicht zu schwimmen brauchte. Nach einer halben Stunde kam er zu einer Insel, rastete eine Weile, watete hierauf noch durch einen Seitenarm und stieß schließlich auf das er­ste Drahthindernis, unter dem er durchkroch. Um nicht von den eigenen Leuten angeschossen zu werden, wartete er die Dämmerung ab und machte dann durch Rufe in deutscher Sprache die österreichischen Posten auf sich aufmerksam. Sie wiesen ihm eine Lücke in einem zweiten Drahtverhau und übergaben ihn der nächsten Feldgendarmerieabteilung. Über die Verhöre, die er in den folgenden Tagen über sich ergehen lassen mußte, und über den reservierten Empfang war er etwas enttäuscht. Das Mißtrauen, das man ihm anfänglich entgegenbrachte, rührte daher, daß an der Piave auch Teile der auf italienischer Seite kämpfenden tschechischen 21) MBA. Nr. 313.288.

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