Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15
400 Fritz Fellner Ihre Vertretung hier ist sehr ungenügend. Hohenlohe war ein Missgriff, faul, schlaff, ohne Takt, man sehnt den alten Zigeuner zurück. Da in absehbarer Zeit Berchtold, den ich für den Besten hier hielte, nicht frei ist, muß eine Änderung eintreten. H. versteht es nicht, oft gegen Österreich aufkeimende Mißstimmung zu bannen, er ist selbst ein Flaumacher. Auch sein Personal scheint nicht ä la hauteur zu sein. Um zum Schluß nochmals auf Friedensmöglichkeiten zu kommen, so gingen auch meine Hoffnungen nach den ersten Siegen sehr hoch. Ich formulierte und formuliere noch heute ein erstrebenswertes Maximum. England: Abrechnung für künftigen Krieg aufzuheben, Herausgabe der geraubten Kolonien, Verwendung bei Japan, Anerkennung eines freien Süd-Afrika. Frankreich: Beifort, Vogesen, Nancy Briey, starke Indemnität. Stück Congo, Senegambien, Handelsvertrag. Rußland: Abtrennung aller Nationalitätenländer, namentlich auch des Kaukasus. Aber ich bin mir schon darüber klar, daß es zunächst mit England wegen Belgien hapert, daß Frankreich nur Frieden auf Grund des status quo ante schließt und für Kolonien mit dem wallonischen Teil Belgiens zu entschädigen sein wird, auch nichts zahlt. Ich würde den Franzosen eventuell Alles zubilligen, nur damit wir England und vor Allem Rußland gegenüber freie Hand behalten. Mit England wird sonst nur ein verkappter Waffenstillstand als Friede möglich sein, wenn es aber nach den unendlichen Blutopfem nur gelänge, Rußland wirklich zu schädigen. Aber auch dazu werden türkische Siege, Aufstände im Innern und eine erhebliche Stärkung Ihrer Armee durch Neuformationen unerläßlich sein. Rußland ist und bleibt der gefährlichste, gewissenloseste der Feinde, und so lange es in der heutigen Form weiterbesteht, kommt Zentraleuropa nicht zur Ruhe. Diesen ernsten Erwägungen sollten sich bei Ihnen namentlich auch die Herren Magyaren nicht verschließen. Ihre Politik vor Allem Rumänien und Serbien gegenüber hat uns in das reinste Missverhältnis gebracht, wenn sie überhaupt künftig weiter politisch leben wollen und nicht Budapest schließlich zur russischen Gouvernements- Hauptstadt herabsinken soll, so müssen sie der Zentral-Regierung, der Armee und einer richtigen Handelspolitik das zum Leben nötige abgeben und endlich den Herren- Standpunkt, den seligen „Esel“ Deák und den Konfusius Kossuth endgiltig einsargen. Nur in Anlehnung an das Germanentum, seine Kultur und seine Organisationsmöglichkeiten kann sich ihr Stamm im slavischen Meer erhalten. Sie stellten einen gelegentlichen Besuch in Haimhausen in Aussicht. Ich gehe von hier zu meiner 86 Jahre zählenden Tante nach Schlesien, gedenke jedoch im Dezember zuhause zu sein. Eventuelle Briefe besorgt Tschirschky. Ich hinterlasse im Amt hier meine Adresse, wie auch das Amt Ihnen diese Zeilen zugehen läßt. Für heute ein herzliches Lebewohl und nochmals schönsten Dank. Lassen Sie uns hoffenden Mutes in die Zukunft sehen. Stets Ihr treu ergebener A. M. Haimhausen, 23. Mai 1915 Mein lieber Herr Professor! Alea jacta est. Aber Italien hat sich bei diesem Anlaß in solcher Jämmerlichkeit gezeigt, daß ich jede Achtung, auch die letzte, und jede Sorge, von den Kanaillen besiegt zu werden, verloren habe. Wenn wir nur militärisch und politisch richtig verfahren. Ad 1) strikte Defensive und nicht Hineintragen einer Offensive mit unzureichenden Mitteln, wie dies seinerzeit in Polen geschah, nach Oberitalien, ad 2) Unterstützung und Schonung der Parteien in Italien, die abseits vom Kriege stehen, vor Allem der Sozialisten und dann der Klerikalen. Presseentrüstung nur gegen König, Salandra und Sonnino, mildes Bedauern gegenüber dem guten und arbeitsamen Volke. Daneben Geld an die Mailänder und Turiner Sozialisten schicken. Falsch ist die Abreise unserer beiden Agenten beim Nachtstuhl. Italien muß sie an die Luft setzen, was natürlich all