Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15

396 Fritz Fellner Prinzip lassen Sie uns festhalten, auch bei partiellen Rückschlägen, daß Rußland der Hauptfeind ist und Alles an seine Schwächung gesetzt werden muß. England und Frankreich sind nicht so stark wie Deutschland allein, aber die russischen Millionen­heere sind ein Alp, von dem wir uns befreien müssen. Möge Sie Deus Opt. Max. behüten, sehen Sie Conrad, bestellen Sie ihm alle meine Grüße. Vale faveque Ihr A. M. Haimhausen, 21. September 1914 Mein Heber, verehrter Herr Redlich! Für Ihren interessanten Brief muß ich die dankende Antwort bis zum Abgang einer sicheren Gelegenheit oder bis zur Freigabe geschlossener Briefe aufschieben. Also ich beginne mit einem Schreiben, selbst auf die Gefahr, veraltet zu sein oder mich zu wiederholen. Die Schlacht an der Marne steht noch immer, es muß wohl eine Übermacht sein, mit der man so hart zu ringen hat; vielleicht auch sind noch nicht alle Lücken gefüllt, denn die Verluste waren enorm, namentlich an Offizieren. Ungeduld der Soldaten, die todesmutig darauf losstürmen und Nervosität vieler Führer, die das Auswirken der Ar­tillerie nicht abwarten und die Infanterie zu früh einsetzen, haben uns so viel verlieren lassen. Aber ich hoffe sicher, daß noch bevor ich diesen Brief abschicke, ein entschei­dender Sieg erfochten ist. Wenn nur Ihre Armee weiter hält. Inzwischen kommen ja auch Verstärkungen und muß sich Ehren-Hindenburgs Druck fühlbar machen. Wie so manche Rechnung erwies sich leider die eines späteren russischen Fertigwerdens als irrig. Wozu Botschafter und Konsulate, oder woHte man nicht hören und sehen, baute man immer noch auf den elenden Zar und die Friedensfreunde in Petersburg, die sich schließlich als ebenso machtlos erwiesen wie die Londoner. Auch alle anderen Hoff­nungen waren eitel, Schweden, Bulgaren, Türken sitzen immer noch still; am meisten hoffe ich noch auf die Halbmondmänner; Rumänen dagegen und Italiener lauern auf ungünstige Nachrichten, um über uns herzufallen. Also Sorge ringsrum. Wenn man in Wien nur auf alle Fälle kaltes Blut gegenüber den elenden Italienern be­hält. Ihnen Alles versprechen und provisorisch Weniges geben, ist immer noch besser, wie einen neuen Feind erwerben, nach dem Frieden mit Rußland und Frankreich spre­chen wir ein Wörtlein Deutsch mit den Halunken. Ja, das schöne Wort Frieden. Wie ferne sind wir noch von einiger Aussicht. England verdarb ja überhaupt die ganze Sache und wird auch einen einseitigen Friedensschluß mit Frankreich so lange als möglich hintertreiben. Am schönsten wäre ja eine Einigung mit England, aber die halte ich für ganz ausge­schlossen, da die Engländer je länger der Krieg dauert, je mehr ihr Hauptziel errei­chen, wirtschaftliche Schwächung Deutschlands, denn deshalb fechten sie ja. Nun Frankreich, die Leute an der Loire sitzen sicher; so lange gefochten wird, dürfte ihre Stellung auch unangefochten sein, ein Friedensschluß aber wird die Poincaré und Del- cassé nicht mehr als Staatsleiter sehen. Dieser Gesellschaft gibt natürlich der engli­sche Beistand moralischen Halt, wie ja auch einem Kleinkrieg nach der ehesten Ver­nichtung der Feldarmeen englische Munition, Waffen und Geld, sogar englische Neu­formationen einen gewissen direkten Halt geben könnten. Und solcher Kleinkrieg, der auch zum guerre ä outrance werden kann, kostet viele Leute. Freilich soU den Franzo­sen die Erinnerung an die année terrible noch in den Gliedern liegen und sollen na­mentlich nicht solche Greuel wie in Belgien vorgekommen sein. Vielleicht ließe sich aus solcher Volksstimmung eine Friedensdisposition heraus destillieren. Aber wir dür­fen nicht zu hart mit Frankreich sein. Mit den wallonischen Teilen Belgiens wären

Next

/
Thumbnails
Contents