Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15
388 Fritz Fellner nem Tode 1930 mußte sich Graf Monts damit begnügen, der Weltpolitik des Deutschen Reiches als Beobachter zuzusehen, soferne er nicht - was er bis gegen Ende des Ersten Weltkrieges mit großem Bemühen versuchte — auf Grund persönlicher Kontakte hinter den Kulissen wirken oder publizistisch in Zeitungsartikeln und Aufsätzen in politischen Zeitschriften tätig sein konnte. Sein publizistisches Wirken hat vermutlich auch zur Bekanntschaft mit Karl Friedrich Nowak geführt, der seinen Verlag für Kulturpolitik in der Zwischenkriegszeit ganz in den Dienst der Erforschung der Ursachen und Folgen des Weltkrieges gestellt hatte. Als Nowak nur zwei Jahre nach dem Tode des Grafen Monts dessen Erinnerungen und Gedanken publizierte, da wies er in der Einleitung auf den reichen, für die historische Erforschung der Weltpolitik der Jahrzehnte um die Jahrhundertwende höchst bedeutsamen schriftlichen Nachlaß des verstorbenen Diplomaten hin, ohne allerdings konkrete Angaben über Aufbewahrungsort und Eigentümer zu machen. Auch Friedrich Thimme, der dem Abdruck der Erinnerungen eine mit einem beispielhaft gründlichen wissenschaftlichen Apparat versehene Auswahl aus dem Briefwechsel des Grafen Monts mit Bülow, Holstein, Tschirschky, Pück- ler und Felix Oppenheimer nachstellte, wies auf die Bedeutung der Materialien des Nachlasses hin, ohne nähere Angaben über Umfang und Korrespondenten zu machen. Im - leider durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges stark dezimierten — Nachlaß des letzten k. k. Finanzministers Prof. Josef Redlich, den mir dessen Witwe, Frau Gertrud Redlich, testamentarisch übereignet hat, fanden sich Photokopien und Abschriften von Briefen des Grafen Monts an Josef Redlich3), die mich veranlaßten, dem Verbleiben des schriftlichen Nachlasses des Grafen Monts nachzuspüren — leider ohne Erfolg: Das Amtsgericht München, dem die Abhandlung des Nachlasses übertragen war, konnte nur mitteilen, daß „sich aus den Nachlaßakten nichts über die Korrespondenz oder sonstige Schriftstücke des Erblassers ergibt“4). Redlich und Monts waren sich am 17. November 1909 anläßlich eines Wien- Besuches des seit einem halben Jahr vorläufig zur Disposition gestellten ehemaligen Botschafters in Rom im Hause des damals noch im Dienste des Handelsministeriums stehenden, später zum Vizepräsidenten des Obersten Rechnungshofes aufsteigenden Geheimrats und Herrenhausmitglieds Dr. Paul Schulz begegnet5). Graf Monts hatte den Sohn des Burgtheaterarztes Schulz 1886 während seiner Zeit als Botschaftssekretär in Wien kennengelernt, sich mit ihm angefreundet, bis zu dessen Tod ihm die Freundschaft bewahrt und seiner in den Erinnerungen mit einer Schilderung gedacht, die in aufschluß3) Der Briefumschlag, in welchem die Materialien aufbewahrt waren, trägt den Vermerk von der Hand Frau Gertrud Redlichs: „Die Originale wurden im Krieg von der Harvard-Universität Cambridge erworben.“ 4) Schreiben des Amtsgerichts München an den Autor dieses Beitrages vom 16. Juli 1975, Nachl. Reg. Nr. 235 5/30. 5) Schicksalsjahre Österreichs 1908-1919. Das politische Tagebuch Josef Redlichs 1 (Wien 1953) 34.