Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915
Prinz Johannes von und zu Liechtenstein 383 gen die Italiener niemandem ein Geheimnis war. So erwartete er von dem seit August 1914 in Rom akkreditierten Militárattaché, Hauptmann des Generalstabskorps Viktor Freiherr von Seiller51), den er mit großem Vertrauen auszeichnete, eine Aktivität, die gewiß geeignet gewesen wäre, die von größter Behutsamkeit gekennzeichnete Gangart Macchios zu stören oder zu paralysieren. Da aber Seiller mit ausreichender innerer Unabhängigkeit an seine Aufgabe heranging, vermochte er, wenn er sich auch gefühlsmäßig auf der gleichen Linie wie alle österreichischen Patrioten befand, dem Boden der Wirklichkeit verhaftet zu bleiben52). Prinz Liechtenstein bestätigt seinem Kollegen vom Landheer, daß er „als gewesener Offizier der Evidenzabteilung des Generalstabes . . . für diese Stellung ausgezeichnet vorgebildet“ gewesen sei und „in kürzester Zeit eine volle Übersicht über die italienischen Kriegsvorbereitungen und Neuaufstellungen von Divisionen“ gewonnen habe53). Macchio aber nennt ihn einen stets getreuen und geschickten Helfer54). Prinz Liechtenstein selbst war in dem kurzen Augenblick höchster Spannung knapp vor der italienischen Neutralitätserklärung, da ein gemeinsames Vorgehen der Dreibundpartner noch im Bereich der Möglichkeiten gelegen hatte, vom italienischen Flottenstabschef Paolo Thaon di Revel, der „sich eines Rufes als hervorragender Seeoffizier“ erfreute, „großes Ansehen nicht nur in Marinekreisen, sondern auch in Kreisen der Politik und Gesellschaft“ besaß und „sich bis zum Zeitpunkt der Neutralitätserklärung Italiens bei Kriegsausbruch 1914 als treuer Anhänger des Dreibunds“ gab55), die Ordre de Bataille der Flotte überreicht worden. Danach hörte er nichts mehr56), aber die Ordre de Bataille blieb vorläufig dieselbe57). Sein Hauptaugenmerk galt naturgemäß der italienischen Flotte, über die er in seiner laufenden Berichterstattung an die Marinesektion alles Bemerkenswerte aussagte, wobei er ebenso die ihm zukommenden Nachrichten über Bewegungen anglo-französischer Einheiten im Mittelmeer berücksichtigte58). Aber nicht davon soll hier die Rede sein. Zweifellos wurde die Wiener Regierung aus Rom von dem Dreigespann Macchio, Seiller, Liechtenstein bestens unterrichtet59). Daneben standen ihr noch die Meldungen ihrer Vatikanbot51) Vgl. Anm. 8. 52) Hubka Entwurf 23 (39). 53) Erinnerungen 16f. Vgl. Massimo Mazzotti L’Esercito italiano nella Triplice Alleanza, Capitolo XII: La fine della Triplice Alleanza (Napoli 1974) 422-462. 54) Macchio Wahrheit 27. 55) Paolo Thaon di Revel (1859-1948), 1913-1917 Flottenstabschef, dann Flottenchef, 1918 Admiral, 1924 Großadmiral. 56) Erinnerungen 15. 57) Bericht von 1915 Dezember 30 bei Wolfgang Broer Die Berichte des Militär- und Marineattachés aus Rom 1915 (Seminararbeit am Institut für Zeitgeschichte in Wien, Sommersemester 1965): Kriegsarchiv Ms. Alig. n. 73. 5S) Vgl. Broer Berichte und die dort teils in Regestenform, teils im Wortlaut zitierten Berichte. 59) Vgl. Diplomatische Aktenstücke betreffend die Beziehungen Österreich-Ungarns zu Italien in der Zeit vom 20. Juli 1914 bis 23. Mai 1915 (Wien 1915).