Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

Prinz Johannes von und zu Liechtenstein 381 Vorwürfe der Bundesgenossen ein. Alle die bösen Klischeevorstellungen, die man österreichischerseits vielfach über Italien hegte, erschienen bestätigt. „Nicht umsonst“, stellt Prinz Liechtenstein fest, „ist Italien die Heimat Mac- chiavellis, nicht umsonst aber auch Cesare Borgias, welcher auch dem besten Freund bedenkenlos den Dolch in den Rücken stieß, wenn er seiner nicht mehr bedurfte“36). Freilich, seit die Doppelmonarchie und Italien jenes „unnatürliche Bündnis“, wie es die neuere Forschung nennt37), geschlossen hatten, war viel Zeit ver­gangen. Prinz Liechtenstein überlegt: „Die alten italienischen Staatsmänner, welche noch überzeugte Dreibundanhänger gewesen und zwar aus meist konservativen politischen Gründen, waren gestorben oder aus dem aktiven politischen Leben geschieden38), und die neuen Leute aus Giolittis Lager39) waren . . . reine Opportunisten, unter welchen der Bündnisvertrag im wahr­sten Sinn des Wortes zu einem Papierfetzen ohne moralischen Inhalt degradiert wur­de“40). Dem Außenminister der Neutralitätserklärung, San Giuliano, spricht er noch relative Bündnistreue zu, sofern sie sich als Grundlage einer defensiven Poli­tik empfahl. Sein Nachfolger Giorgio Sidney Sonnino41) stand im Ruf eines konservativen Politikers, welcher, wie Prinz Liechtenstein ausführt, „als Anhänger des Dreibundes galt, in der Öffentlichkeit wenig bekannt war und ein sehr zurückgezogenes Leben führte. Er war sozusagen ein unbeschriebenes Blatt, was seine künftige Haltung den kriegführenden Parteien gegenüber sein würde. Doch bald sollten wir erfahren, was sich hinter dieser kühlen, staatsmännischen Maske barg. Vorläufig wußten wir nur, daß die Ententevertreter den Italienern im weitherzigsten Umfange Versprechungen auf unsere Kosten machten, falls sie sich als Kriegführende an sie anschlössen, sowie auch die linksgerichteten Zeitungen . . . offen zum Krieg ge­gen uns hetzten.“ Sonnino aber begann mit „Anspielungen, daß Österreich-Ungarn gut täte, durch Abtretung Südtirols [Welschtirols!] der italienischen Regierung ihre für die Mittelmächte wohlwollende Stellungnahme der öffentlichen Meinung Italiens gegen­über zu erleichtern . . . Auch aus der Gesellschaft konnte man immer wieder hören, auch gerade von uns wohlgesinnten Kreisen, daß man irgendwelche Konzessionen von uns erwartete; auch sogar bei Vorsprachen im Marineministerium platzte hie und da . . . eine solche Anspielung hervor. Ich machte da natürlich, dergleichen nicht gehört zu haben, aber ob unsere deutschen Kollegen nicht manchmal aus der Bülowschen Schule schwatzten, ist eine andere Frage. Denn in den Kreisen der deutschen Bot­36) Lage 2. Vgl. Adam Wandruszka Die neuere Geschichte Italiens in der öster­reichischen Historiographie in Innsbruck-Venedig (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte Österreichs 6, Wien 1975) 23. 37) Fellner Dreibund 83. 38) Gemeint sind wohl General Alberto Pollio (1852-1914), Generalstabschef 1908-1914; Tommaso Tittoni (1855-1931), Außenminister 1903-1905; Marchese Anto­nio San Giuliano (siehe Anm. 30). 39) Giovanni Giolitti (1842-1928), Ministerpräsident 1892—1893, 1903-1905, 1906-1909, 1911-1914, 1920—1921. Vgl. Edgar R. Rosen Italiens Kriegseintritt im Jahre 1915 als innenpolitisches Problem der Giolitti-Ära. Ein Beitrag zur Vorge­schichte des Faschismus in Historische Zeitschrift 187 (1959) 289-363. 40) Lage 4. 41) Baron Giorgio Sidney Sonnino (1847-1922), Außenminister November 1914 — Juni 1919.

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