Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

378 Edith Wohlgemuth seiner geographischen Lage und natürlichen Seefahrtinteressen wegen von ausschlaggebender Bedeutung war, durch die starre Flottenpolitik Kaiser Wilhelms völlig verschob17), ganz zu schweigen von der noch ,,in falscher Pietät zur Bismarck’sehen Tradition“ eingenommenen Haltung gegenüber Rußland. Dadurch sei eingetreten, „was man bei uns und in Deutschland für unmöglich gehalten“ hatte, daß nämlich England mit Frankreich ein Bündnis schloß und sich mit Rußland ausglich18). Italien, auf das „England im Fall eines Krieges . . . militärisch und wirtschaftlich einen furchtbaren Druck ausüben konnte“, bei Eintritt einer Auseinandersetzung Deutschlands mit England „noch als Bundesgenossen gezählt zu haben19), ist“, stellt der Mari- neattaché fest, „eine sträfliche Naivität der deutschen Politiker gewesen, Kaiser Wilhelms vor allem, welcher von Erzherzog Franz Ferdinand oft ge­nug gewarnt worden war“20). Unter diesem Gesichtspunkt sprach der Prinz die Italiener sogar von dem meist generell erhobenen Vorwurf der Treulosigkeit frei, „denn weder wir, noch die Italiener ahnten damals [vor dem Eintritt der zum Krieg führenden Krise21)], daß England auf der Seite unserer Feinde stehen würde, für diesen Fall war der Dreibund niemals gedacht oder vorbereitet. Niemals gegen Eng­land, war stets die Parole in Rom“ gewesen22). Auch daß das Verhältnis zwischen Kaiser Franz Joseph und König Viktor Emanuel jeder Wärme entbehrte, verbucht Prinz Liechtenstein auf das Konto österreichischer Versäumnisse. Dies war auf die Empfindlichkeit des Savoy- ers wegen des nach einem Besuch seines Vaters Humbert I. 1881 in Wien un­terbliebenen habsburgischen Gegenbesuches zurückzuführen. Die Unterlas­sung, die aus Rücksicht auf den Heiligen Stuhl erfolgte, der sich durch ein Monarchentreffen in der nach seinem Sprachgebrauch „usurpierten“ Haupt­stadt Rom unweigerlich brüskiert gefühlt hätte23), war in den Augen des Ma­17) Hier wird auf die Bemühungen des britischen Kolonialministers Joseph Cham­berlain, zwischen 1898 und 1901 zu einer Verständigung mit Deutschland zu gelangen, die an Bülows und Holsteins abweisender Haltung scheiterten, angespielt. Vgl. Peter Winzen Bülows Weltmachtkonzept (Schriften des Bundesarchivs 22, Boppard a. Rhein 1977) 129 ff. 18) Lage 2f. Es sind die Entente cordiale von 1904 und das englisch-russische Ab­kommen von 1907 gemeint. Vgl. Zara S. Steiner Britain and the origins of the First World War (London 1977) 25ff, 79ff. 19) Italien hatte schon im Dezember 1912 zum Ausdruck gebracht, daß es im Fall eines Krieges zwischen Dreibund und Tripelentente die bisher für die Rheinfront zuge­sagte Armee nicht beistellen werde. Vgl. Franz Graf Conrad v. Hötzendorf Aus meiner Dienstzeit 1906—1918 2 (Wien 1922) 393f. 20) Lage 3. Der Wunsch, Erneuerung des Dreikaiserbündnisses unter möglichem Anschluß Englands, galt als „politisches Glaubensbekenntnis“ des Erzherzog-Thron­folgers. Vgl. Die qroße Politik der europäischen Kabinette 1871-1914 34/1 (Berlin 1926) 415 Anm. 21) Einschub d. Vf. 22) Erinnerungen 8. 23) Friedrich Engel-Janosi Österreich und der Vatikan 1846—1918 1 (Graz 1958) 22 8 ff.

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