Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915
376 Edith Wohlgemuth sehen Mannschaft war in der gleichen Zeit beträchtlich, und zwar auf „höchstens vier bis fünf von Hundert“ gesunken. Die Schuld an den für die „wechselseitigen staatlichen Beziehungen so gefährlichen, ja katastrophalen italienischen Ansichten hinsichtlich der Italia- nität des Küstenlandes“ bezeichnete Liechtenstein als zum guten Teil „eigene Schuld . .. uns Marineoffiziere nicht ausgenommen“. Denn die kaiserliche Administration habe „sich beinahe bis zur Jahrhundertwende aus Routine und bürokratischer Trägheit von der überkommenen Überlieferung einer Vorzugsstellung der italienischen Sprache nicht freimachen“ können. Nur „Zara blieb dank der österreichischen Beamtenschaft bis zuletzt durchaus italienisch, eine Insel im slawischen Meer. Daß die übrigen italienischen Städte die Herrschaft der italienischen Kultur und Sprache abgestreift hatten, war, je nach Auffassung, nicht Schuld oder Verdienst der österreichischen Regierung, welche gerade nur gewähren ließ. So stieß man die Kroaten vor den Kopf, ohne im geringsten die italienischen Sympathien zu gewinnen. Ein alter politischer Grundsatz, daß man eben Farbe bekennen muß. Die hohen Beamten, welche aus dem österreichischen Inlande als Administratoren nach Dalmatien, Istrien geschickt wurden, fanden es leichter, sich eine oberflächliche Kenntnis des Italienischen anzueignen, als mühsam die südslawische Sprache zu erlernen. Dasselbe war bei uns Marineoffizieren, soweit wir Inländer waren, der Fall: Wir radebrechten schon als Seekadetten ein italienisches Kauderwelsch im dienstlichen Verkehre mit der Mannschaft, anstatt uns eine gründliche Kenntnis des Südslawischen anzueignen, und so wurden wir unbewußt Apostel einer schwindelhaften Italianitä. Aber auch sonst bevorzugte man aus bürokratischer Bequemlichkeit im Küstenlande das Italienische und damit die Italiener zum Nachteile auch der deutsch sprechenden Österreicher. Die kaiserliche Seebehörde amtierte italienisch, die von ihr herausgegebenen Publikationen erschienen in italienischer Sprache, die nautischen Schulen im österreichischen Küstenlande hatten italienische Unterrichtssprache, und der Zustrom von Schülern aus dem Inlande wurde mehr weniger unterbunden, was gleichzeitig auch ein Nachteil für den Nachwuchs an Offizieren und Unteroffizieren für die Kriegsmarine war und jedenfalls die Handelsmarine, auch die staatlich subventionierten Gesellschaften, zur Domäne der Italiener machte. Mit einiger Geschicklichkeit und Konsequenz wäre es im Laufe eines Jahrhunderts ganz gut möglich gewesen, an unseren Küsten auch eine deutschsprechende Schiffahrts- und auch Fischereibevölkerung heranzuziehen. Doch genug davon, vorbei ist vorbei. Das Hauptbollwerk des Italienertums und Haupthindernis jeder wirklich österreichischen Politik an unseren Küsten bildete die weit über Gebühr und Rücksicht auf die vaterländischen Belange aufgeblähte Autonomie der Stadt Triest mit ihrer hochverräterischen Camorra. Triest, das Hunderttausende von einwandernden Slawen und Deutschen durch seine Schulen mit alleinherrschender italienischer Unterrichtssprache in zum Teil fanatische Italiener verwandelte“11). Die inneritalienischen Feinde der Donaumonarchie und des Dreibundes gruppierten sich nach der in Wien natürlich geläufigen Einsicht des Marine- attachés um die radikalen freimaurerischen Kreise, die in dem römischen Bürgermeister jüdischer Abkunft Ernesto Nathan12), der lange Zeit Großmei“) Erinnerungen 6ff. Vgl. Robert A. Kann Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie 1 (Graz 1964) 270. 12) Bürgermeister 1907—1913. Vgl. über seine Rolle als Freimaurer Alessandro Galante Garrone I radicali in Italia, 1849-1925 (Milano 1973) 347f, 383.