Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Adam WANDRUSZKA: Leopold II., die „Welschen Confinen“ und die Stände Tirols

158 Adam Wandruszka In Rovereto und dann besonders in Bozen, dem „Mittelpunkt“14) der ständi­schen Oppositionspartei gegen den josephinischen Zentralismus, nahm Leo­pold die ihm vorgetragenen Beschwerden entgegen15). In Bozen erklärte er einer von Dr. Andreas Dipauli geführten Deputation, die ihm die Beschwer­den der Stände Tirols, vor allem wegen der Aufhebung der landständischen Verfassung durch Joseph II. vortrug, „er sehe die landschaftlichen Stände als die Säulen der Monarchie an und wolle ihnen daher alle ihre Vorrechte wie­der geben und im Vereine mit ihnen das Beste seiner Völker mit dem seini- gen in Übereinstimmung bringen“16). Auch die Zusammenkunft mit seiner Schwester, der von Joseph zu Beginn seiner Regierung 1781 aus Wien als Äb­tissin nach Innsbruck „abgeschobenen“ Erzherzogin Maria Elisabeth (der „kropfeten Liesl“, wie sie der Tiroler Volksmund nannte), am 6. März in Bruneck dürfte ganz wesentlich der Information des neuen Herrschers über die Stimmung im Lande gedient haben; zumal ja Leopold, auch in dieser Hinsicht ganz anders als der die Schwestern verachtende und immer wieder bissig über sie spottende Joseph, zu seinen Schwestern stets gute Beziehun­gen pflegte und sich von ihnen gerne informieren ließ. Mit dem Versprechen der Wiederherstellung der ständischen Verfassung und der baldigen Abhaltung eines „offenen Landtags“, wozu dann noch die Rückberufung des tüchtigen, aber den Tirolern als energischer Vertreter der josephinischen Politik verhaßten Gouverneurs Graf Wenzel von Sauer nach Wien kam, hat Leopold der ständischen Opposition den Wind aus den Segeln genommen. Daß schon bald nach der Durchreise des neuen Herrschers durch Tirol sich im Gebiet der „Welschen Confinen“ eine politische Bewegung for­mierte, die auf dem bevorstehenden Landtag auch für diese, bisher auf dem Landtag nicht vertretenen Gebiete Sitz und Stimme forderte, ist gewiß kein Zufall gewesen. Denn die Mittel dieser Bewegung — Denkschriften, Broschü­ren, Zusammenkünfte, bei denen ein Programm für das weitere Vorgehen aufgestellt wurden — sind sehr ähnlich jenen, die Leopold auch sonst und dann vor allem in seinem Ringen mit den ungarischen Ständen einsetzte, wobei er die rebellischen Stände Ungarns durch Ermutigung der Bürger und Bauern einerseits, der nichtmagyarischen Nationalitäten, wie der Serben im Banat und wohl auch der Rumänen in Siebenbürgen, unter Druck zu setzen suchte. Auch klingt bei diesen Versammlungen und in den dort beschlosse­nen Programmen immer wieder die Absicht auf, sich, wenn man auf dem kommenden Landtag kein Gehör finde, direkt an Leopold zu wenden, was dann, da der „offene Landtag“ in Innsbruck diese Forderungen tatsächlich schroff ablehnte, auch mit vorübergehendem Erfolg geschehen ist. Schließ­lich heißt es von einer dieser Versammlungen, bei denen offenkundig füh­14) Josef Egger Geschichte Tirols von den ältesten Zeiten bis in die Neuzeit 3 (Innsbruck 1880) 130. ls) Hinsichtlich der Formulierung der Beschwerden der „Welschen Confinen“ darf ich auf die künftige Arbeit von Miriam Levy verweisen, deren wichtigste Fakten und Belegstellen mir die Verfasserin freundlicherweise übersandt hat. 16) Egger Geschichte Tirols 3 130.

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