Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

MATSCH, Erwin: Die Auflösung des österreichisch-ungarischen Auswärtigen Dienstes 1918/1920

Die Auflösung des Auswärtigen Dienstes 297 Er genieße „im Lande eine Popularität, die jene des ,Wahlrechts-Beck* noch übertrifft“. Eine bloße Beruhigung des Volkes ohne Taten sei jedoch unmöglich. Die Sozialdemokratie hätte bereits die Eisenbahner, die Ar­beiter der Lebensmittelindustrien und die Schriftsetzer vom Ausstande zurückgehalten. Dies sei noch höchstens drei bis vier Tage möglich. Auf den Einwand Flotows, daß die Ausstandsbewegung die Führung der Ver­handlungen doch erschwere, wurde geantwortet, daß diese spontan, ohne Zutun der Sozialdemokratie, zustandegekommen sei84). Wenige Tage später flauten die Streiks wieder ab. Die ursprünglichen Befürchtungen, daß sich das dienstliche Verhältnis zwischen Czernin und dem Ersten Sektionschef, Baron Ladislaus Müller, auf die Dauer nicht harmonisch gestalten würde, hatten sich bestätigt. Mül­ler trat am 28. März 1918 einen unbefristeten Urlaub an, und Flotow mußte zu seinen Agenden auch noch jene des Ersten Sektionschefs über­nehmen 3S). Am 21. Juni 1918, bereits unter der zweiten Amtszeit Buriáns, erfolgte seine definitive Bestellung zum Ersten Sektionschef. Auch in dieser Funktion blieb Flotow ein politischer Beamter. Während sich die früheren Ersten Sektionschefs die Oberleitung einiger administra­tiver Departements Vorbehalten hatten, behielt er nur die Oberleitung der politischen Referate und des Pressedepartements. Seine letzte poli­tische Aufgabe erfüllte er im Rahmen nochmaliger Friedenssondierungen des Grafen Nikolaus Revertera am Ende der Amtsperiode des letzten k. u. k. Ministers des Äußern, Julius Grafen Andrássy 36). Nach der De­mission Andrássys wurde Flotow am 2. November 1918 vom Kaiser mit der Leitung des Ministeriums des Äußern betraut. Den Beginn seiner Tätigkeit beschreibt er folgendermaßen: „Am späten Nachmittag des 30. Oktober ließ Graf Julius Andrássy den Bot­schafter Grafen Mensdorff und mich zu sich bitten. Er eröffnete uns, daß er im Begriffe stünde, seine Demission als Minister des Äußern Seiner Majestät zu unterbreiten. Nachdem die ungarische Regierung die volle Selbständigkeit Ungarns proklamiert hätte, sei sein Entschluß unwiderruflich, und er wolle sich mit uns wegen seines Nachfolgers beraten. Dann setzte er uns ausein­ander, daß seines Erachtens hiefür nur einer von uns zweien in Frage komme. Die Ernennung Mensdorffs würde gewissermaßen ein Programm bedeuten, während die Übertragung der Leitung des Ministeriums des Äußern an mich, als dem Ersten Sektionschef, zu dessen Competenzen ohnehin die Vertretung des Ministers gehöre, unter den gegebenen Verhältnissen vielleicht das ent­sprechendste wäre. Mensdorff ereiferte sich sogleich für die zweite Alternative, während ich versuchte, die Wahl auf ihn zu lenken. Andrássy, dem das Amt des Ministers des Äußern als sein höchstes Ziel immer vorgeschwebt und der sozusagen erst in articulo mortis dieses Ziel erreicht hatte, schien trotz der * 85 86 *4) Ebenda: Telegramm n. 139 von 1918 Jänner 18. 85) Erinnerungen Flotows. 86) Bogdan K r i z m a n Die Tätigkeit der österreichisch-ungarischen Diplo­matie in den letzten Monaten vor dem Zusammenbruch in Die Auflösung des Habsburgerreiches. Zusammenbruch und Neuorientierung im Donauraum, hg. von Richard Georg Plaschka und Karlheinz Mack (Wien 1970) 110 f.

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