Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

MATSCH, Erwin: Die Auflösung des österreichisch-ungarischen Auswärtigen Dienstes 1918/1920

292 Erwin Matsch dem Balkan und der Notwendigkeit der Erhaltung der Türkei überzeugt sei. Rußland würde, falls eine Erhaltung des status quo auf dem Balkan nicht möglich sein sollte, trachten, jeden Konflikt im Einvernehmen mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich zu lokalisieren 13). Als im Herbst 1911 die europäische Szene von der „tripolitanischen Frage“ über­schattet war, wurde Flotow von Aehrenthal angewiesen, der deutschen Regierung mitzuteilen, daß die Monarchie, deren Ziel die Aufrechterhal­tung des status quo auf dem Balkan sei, nur im äußersten Fall einer italienischen Aktion gegen die Türkei zustimmen könne 14). Flotows Mel­dungen beschäftigten sich öfters mit der deutschen Haltung, die sich im Prinzip mit der österreichisch-ungarischen deckte, aber wegen der Rück­sicht auf Italien als Dreibundpartner weniger kompromißlos war 15). Als der erste Balkankrieg drohte, informierte der neue Minister des Äußern, Leopold Graf Berchtold, den k. u. k. Geschäftsträger in Berlin von der Wiener Absicht, durch Druck auf die Türkei zwecks Durchführung von inneren Reformen, diesen Konflikt zu vermeiden 16). Flotow antwortete, daß die deutsche Regierung mit den Wiener Überlegungen überein­stimme, Sazonow jedoch bereits davon spreche, daß ein Krieg auf den Balkan lokalisiert bleiben müsse 17). Am 8. Oktober 1912 hatte er in Berlin eine Aussprache mit dem russi­schen Außenminister, dem er aus Rom bekannt war 18 19). Flotow war da­von überzeugt, daß auch Rußland den Weiterbestand des status quo wünsche, in dieser Politik absolut loyal und auch von der Loyalität der Monarchie überzeugt sei. Voraussetzung sei jedoch, daß die Monarchie den Sandschak nicht wiederbesetze. Falls es zum Krieg auf dem Balkan kom­men sollte, könne man auf ein einiges Europa hinsichtlich einer Lokali­sierung des Krieges zählen 10). In die letzten Monate von Flotows Tätigkeit in Berlin fielen das „Oktober- Ultimatum“ der Monarchie an Serbien wegen Verletzung der albanischen Grenzen durch das Königreich. Nach Überreichung des Ultimatums durch den k. u. k. Geschäftsträger in Belgrad berichtete Flotow, daß die deutsche Regierung voll und ganz hinter der Monarchie stünde und über London Einfluß auf Rußland, Frankreich und Serbien genommen habe20). Sazonow habe sich Berlin gegenüber jedoch äußerst heftig hinsichtlich der Aktion Österreich-Ungarns geäußert und sie als einen „Bruch des Kon­zerts der Großmächte“ hingestellt21). i») Ebenda 3 (1930) n. 2295. 14) Ebenda n. 2655. 15) Vgl. ebenda n. 2695. i«) Ebenda 4 (1930) n. 3782. ii) Ebenda n. 3793. 18) Sazonow war 1906—1909 Ministerresident beim Päpstlichen Stuhl. 19) ÖUA 4 n. 3995. 2°) Ebenda 7 (1930) n. 8894. 2i) Ebenda n. 8927.

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