Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

Britische Österreichpolitik 1919 279 der Regierung in Wien und denen der anderen Nachfolgestaaten „an abso­lute distinction“ bestehe ul). Die britische Politik hatte sich damit in der Frage der österreichisch-unga­rischen Friedenslösung auf ein Minimalkonzept beschränkt, dessen einzige Zielsetzung in der Verpflichtung aller Nachfolgestaaten zu Reparations­zahlungen bzw. Liberationskontributionen gegeben war. Alle darüber hin­ausgehenden außen- und wirtschaftspolitischen Ambitionen, wie etwa die in Foreign-Office-Kreisen propagierten Pläne einer Donauföderation, scheiterten im Rahmen der Friedensregelung: Die mit unterschiedlichen Zielvorstellungen belastete britische Koalitionsregierung von Konserva­tiven, Liberalen und Labour-Party vermochte in der „temporären Welt­hauptstadt Paris“ kein einheitliches Aktionsprogramm aufzustellen. Da sie aber, wie Gustav Schmidt feststellte, „ohne arbeitsfähigen Entschei­dungsapparat auch keine Verantwortung bei vorgezeichneten Richtlinien delegieren konnte, war weder in der Innen- noch in der Außenpolitik eine Kontinuität politischer Entscheidungen möglich“112). Am stärksten be­troffen war davon das Foreign Office, dessen traditionelle Funktion als ei­genständige Schaltstelle britischer Außenpolitik durch diese Entwicklung stark an Bedeutung verloren hatte. So besaß das von Foreign-Office-Krei­sen befürwortete Projekt der Errichtung einer wirtschaftlichen Donaufö­deration gegen den Widerstand Italiens und der Nachfolgestaaten vor allem deshalb keine Chance einer Realisierung, weil es weder von der Treasury noch von privatwirtschaftlichen Interessen mitgetragen wurde. Außerdem waren alle Föderationspläne derart vage, daß Balfour im Ober­sten Rat zugeben mußte, daß die britische Vorstellung von einer alle Territorien des ehemaligen Österreich-Ungarn umfassenden Zollunion nicht zu verwirklichen sei, weil dadurch in manchen Ländern interne Zoll­schranken errichtet würden 113). Die Friedenskonferenz beschränkte sich schließlich auf eine Minimallösung, derzufolge Österreich, Ungarn und die Tschechoslowakei in ihrem Handelsverkehr ein auf fünf Jahre befristetes Präferenzsystem hätten einführen können, wenn sie nur gewollt hätten. Oberst Peel hatte übrigens schon am 15. Juli geraten: „[Eine wirtschaftliche Föderation der Nachfolgestaaten] ... may be desirable and is perhaps possible, but it certainly cannot be set up by the present Treaty ... We must in fact, in my judgement, avoid the temptation to try too much by this Treaty. It will never be finished if we are too ambitious. There are certain questions on which, from a business point of view, any settlement is better than none, and the Financial Clauses attempt to provide just so much settlement and no more. If the Austrians like to ask the Allies for help in their internal affairs, let them do so, and let us consider their application on its merits, but let this be a separate negotiation“ 114). 411) Meeting of the Heads of Delegations (abgekürzt: Heads of Delegations), 1919 August 19: DBFP 1/1 (1947) 434. U2) Schmidt Probleme der britischen Friedensstrategie 71. ns) Heads of Delegations, 1919 August 26: DBFP 1/1 548. 114) Antwort Peels von 1919 Juli 15 auf das Anm. 92 genannte Memorandum: PRO FO 608 229/11678; Balfour setzte sich außerdem mit Erfolg für die Ein-

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