Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

Britische Österreichpolitik 1919 271 parationsbestimmungen waren weitgehend fertiggestellt und für tiefgrei­fende Veränderungen stand keine Zeit mehr zur Verfügung. Keynes, der am Ende seiner physischen Kräfte angelangt war, sah, wie er Schatzkanz­ler Austen Chamberlain mitteilte, keine Chance einer positiven Einwir­kung auf die österreichische Friedensregelung: „The Prime Minister is leading us all into a morass of destruction. The settlement which he is proposing for Europe disrupts it economically and must depopulate it by millions of persons. The new states we are setting up cannot survive in such surroundings ... How can you expect me to assist at this tragic farce any longer, seeking to lay the foundations, as a Frenchman puts it, ,d’une guerre juste et durable1? The Prime Minister’s present Austrian policy puts me in a equal difficulty. Lords Sumner and Cunliffe have produced a reparation draft of which I have already sent you a copy. Now General Smuts and I are invited to join their deliberations. But the British represen­tation cannot be fundamentally divided against itself, and it is necessary to choose“ * 76 77). Ebenso deprimiert und ablehnend reagierte Smuts. Der Gedanke, allen Nachfolgestaaten Reparationszahlungen abzuverlangen, wie es gerade Lloyd George im Rat der Vier gefordert hatte, wurde von ihm gänzlich zurückgewiesen, „for the imposition of reparation on a broken, bankrupt, economically impossible State like Austria, or a new friendly allied State like Czecho-Slovakia ... seems to me a hopeless policy, which could only lead to the most mischievous results“ ”). Smuts wies damit das Angebot des Premiers brüsk zurück. Betroffen beteuerte dieser daraufhin in einem Antwortschreiben vom selben Tag, daß Smuts seine, Lloyd Georges, Poli­tik gegenüber den Nachfolgestaaten mißverstanden habe. Österreich und Ungarn sollten wohl, „once the economic situation in Central Europe has begun to improve“, Reparationen bezahlen, die befreundeten Nach­folgestaaten dagegen nur „according to their capacity a share of what it has cost to liberate them“ 78). Grundsätzlich müsse diesen Ländern aber auf jeden Fall eine gewisse Last auf gebürdet werden, denn ansonsten ließe sich die Verpflichtung zur Abtragung der hohen Kriegsschuld ge­genüber dem Parlament und der Bevölkerung des gesamten Empire nie­mals glaubwürdig vertreten. Smuts wurde von Lloyd George schließlich nochmals zum Eintritt in das Reparationskomitee aufgefordert, was dieser jedoch abermals ablehnte. An seiner Statt schlug er Lord Cecil vor79). Lediglich Keynes nahm Ende Mai an einigen Sitzungen des Reparations­lierte, um gegenüber den Verfechtern einer harten Friedenspolitik nach Be­darf auf eine Mittelposition einlenken zu können, ist nicht unbegründet: vgl. Alan John Percival Taylor The Trouble Makers. Dissent over Foreign Policy 1792—1939 (London 1969) 145. 76) Brief von Keynes an Austen Chamberlain, 1919 Mai 26: Activities 1914— 1919 460. 77) Brief von Smuts an Lloyd George, 1919 Mai 26: Selection of the Smuts Papers 4 197. 78) Brief von Lloyd George an Smuts, 1919 Mai 26: ebenda 197 f. 79) Brief von Smuts an Lloyd George, 1919 Mai 27: ebenda 199.

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