Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

Britische Österreichpolitik 1919 263 mochte sich die Friedenskonferenz aber zu keinen direkten Maßnahmen aufzuraffen. Alle Pläne einer militärischen Besetzung Wiens und anderer Orte, wie sie von General Foch und den Italienern, aber auch von Cuning- hame und General Thwaites zu dieser Zeit vorgebracht wurden, fan­den im Rat der Vier weder die Zustimmung von Lloyd George noch von Präsident Wilson41). Im Gegenteil, der britische Premier, dem de facto nicht einmal die Truppen für die Beteiligung an einer Intervention zur Verfügung standen, vermochte gegenüber den Falken auf der Friedens­konferenz kurzfristig die politische Initiative zu übernehmen: „The Fon­tainebleau spirit had scored a passing and circumscribed triumph: Foch’s grand design was checkmated, Smuts was chosen to be the emmissary to Budapest, and Lloyd George was elected to draft Smuts’ instructions“ 42). Smuts’ Mission berührte die Situation in Österreich nur am Rande. Den­noch kann die Entsendung des führenden „Reconstructionalist“ der briti­schen Friedensdelegation zu Verhandlungen mit Béla Kun als ein her­vorstechendes Symptom des verstärkten britischen Interesses für den Do­nauraum angesehen werden. Im Falle Österreichs bedeutete die britische Beteiligung am erwähnten 30 Millionen Dollar-Kredit, den die amerikanische Treasury (Finanzmini­sterium) Großbritannien, Frankreich und Italien für die Versorgung Öster­reichs vorgestreckt hatte, den eigentlichen Wendepunkt hin zu einer Poli­tik des Engagements. Die drei Alliierten ließen sich nämlich als Sicher­heiten das Pfandrecht über die österreichischen Salzbergwerke, über den Besitz der Stadt Wien und „such other assets as may be agreed upon, in siver innenpolitischer Einflußnahme und bot der sozialdemokratischen Partei­führung damit ein willkommenes Argument bei der Auseinandersetzung mit der extremen Linken. Hoffmann Mission Cuninghames 135—141 u. Gerhard Botz Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unru­hen in Österreich 1918—34 (München 1976) 53 f. Die Drohung mit dem Lebens­mittelstop für den Fall bolschewistischer Umtriebe ist allerdings nicht neu. Lord Robert Cecil hatte im War Cabinet schon am 14. November 1918 gefordert: „Wir sollten ... alle wissen lassen, daß wir im Falle bolschewistischer Unruhen die Le­bensmittellieferungen einstellen; diese Ankündigung soll allgemein gehalten sein und kein bestimmtes Land treffen. Ich meine, wir sollten unsere Kontrolle über die Nahrungsmittel der Welt dazu verwenden, die Ordnungskräfte gegen die Kräfte des Aufruhrs zu unterstützen“: Alex P. Schmid Churchills privater Krieg. Intervention und Konterrevolution im russischen Bürgerkrieg 1918— 1920 (Zürich—Freiburg i. Br. 1974) 30. 41) Conseil des Quatre, 1919 März 27: Paul Mantoux Les deliberations du Conseil des Quatre (24 mars—28 juin). Notes de l’Officier Interprete Paul Mantoux 1 (Paris 1955) 52—54. 42) Mayer Politics and Diplomacy 602; vgl. auch Hanns Haas Die Pariser Friedenskonferenz und das Ende der ungarischen Räterepublik 1919 in MÖStA 29 (1976) 363—375; Zsusy L. Nagy The Mission of General Smuts to Budapest, April 1919 in Acta Historica Ac. Hung. 11 (1965) 163—185; zur britischen Einfluß­nahme siehe besonders Ferenc Tibor Z s u p p á n The Hungarian Soviet Repu­blic and the British Military Representatives, April—June 1919 in The Slavonic and East European Review 47 (1969) 198—218.

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