Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

LAUBACH, Ernst: Karl V., Ferdinand I. und die Nachfolge im Reich

Karl V., Ferdinand I. und die Nachfolge im Reich 39 Ferdinand begründete seinen Protest mit dem Schaden, den sein Prestige („reputation“) durch die öffentliche Erörterung jener Behauptungen er­leide. Zwar beteuerte er, an sich halte er sie für völlig substanzlos und sei überzeugt, daß dem Kaiser derartige Gedankengänge stets fern gele­gen hätten. Dennoch ersuchte er die Schwester Maria, an die er sich ge­wandt hatte, um ein klares Dementi, weil sonst zwischen Karl und ihm Mißtrauen aufkommen und bei Dritten der schlechte Eindruck entstehen könnte, der Kaiser nehme auf ihn nicht die gebührende Rücksicht. Aus guter Quelle wollte er wissen, das Gerücht werde auch in der Umgebung Philipps — der soeben aus Spanien nach Brüssel gekommen war — ver­breitet 20s), und im Reich werde es an Kurfürstenhöfen offenbar ge­glaubt. Es ist begreiflich, daß Ferdinand sich in seiner fürstlichen Reputation ge­troffen fühlte und nachteilige Auswirkungen für sein Prestige befürchte­te. Denn wie hätte sein Rücktritt eigentlich vor der Öffentlichkeit plausi­bel begründet werden sollen? Gesundheitliche Sorgen hatte er nicht, Fer­dinand war viel gesünder als etwa Karl. Mußte nicht jeder hinter dem Gedanken, er solle durch Philipp ersetzt werden, einen Vertrauensentzug oder eine Infragestellung seiner Befähigung vermuten? Insofern war das Gerücht sogar eine Gefahr für die politische Position der Habsburger im Reich überhaupt. Doch fällt auf, wie Ferdinand — ob aus Überzeugung oder Etikette, sei dahingestellt — den Kaiser von jeder Verantwortung für das Gerücht freispricht, dafür aber den Verdacht durchblicken läßt, interessiert daran sei man anscheinend in der Umgebung Philipps. Ver­mutete er dort die treibende Kraft? Maria sah jedenfalls Veranlassung, neben der Versicherung, daß das Gerücht jeder Grundlage entbehre, nicht nur bei Karl, sondern auch bei Philipp jede Sinnesänderung seit den Beratungen von Augsburg entschieden in Abrede zu stellen: „Et ne voy nulle aparence que du vivant de vos deux Máj estes Ion en doive riens inover“ 204). Das Gerücht, das übrigens auch von Granvella gelegentlich dementiert worden ist 206), lebte freilich weiter; noch im Juli 1550 hielt Ferdinand es anscheinend für nötig, das leidige Gerede durch Vorzeigen von Briefen zu widerlegen 206). Doch sofern der Plan einer direkten Sukzession Phi­lipps auf Karl im Reich jemals ernsthaft erwogen worden ist, mit seinem energischen Protest hatte Ferdinand ihn erledigt. Die Nachfolgeregelung von 1531 wurde nicht rückgängig gemacht. 203) Ferdinand erwähnt das zweimal! 204) 1549 April 13 oder 18: Bucholtz Ferdinand I. 9 728f (die zweite Datierung gibt G a c h a r d Charles-Quint Sp. 789 Anm. 2). 205) vgl. NB 11 268. 206) Nur dies läßt sich dem Bericht des französischen Gesandten Marillac, 1550 Juli 29, entnehmen (Beiträge 1 459—465), aus dem Maurenbrecher Karl V. 243, S o 1 d a n Succession 1 19 und Witter Beziehungen 31 f schwere Indiskretionen Ferdinands herausgelesen haben.

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