Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

LAUBACH, Ernst: Karl V., Ferdinand I. und die Nachfolge im Reich

Karl V., Ferdinand I. und die Nachfolge im Reich 35 Die Eindeutigkeit, mit der Ferdinand die Umwandlung in ein Erbkaiser­tum zweimal ablehnte, legt nicht nur die Vermutung nahe, diese Mög­lichkeit könnte beim ersten Meinungsaustausch zumindest zur Debatte gestellt worden sein 184), sondern auch die, Ferdinand habe dadurch seine Interessen tangiert gesehen. Der springende Punkt in seiner Konzeption ist gerade das Offenlassen der Frage, welches Mitglied der Dynastie nach ihm selber die Kaiserkrone tragen sollte. Auf diese Weise mochte sowohl das Interesse des Hauses Habsburg gewahrt bleiben als auch den Rechtsansprüchen der Kurfürsten auf „freie Wahl“ genügt werden; und Ferdinand zeigte überdies einen neuen Ausweg aus dem Konflikt um den Vorrang von kurfürstlicher Wahlfreiheit oder kaiserlichem Präsentations­recht, wie er vor seiner eigenen Wahl aufgetreten war. Aber es ist hier auch daran zu erinnern, daß 1530/31 — soweit wir wissen 185) — zwischen den Brüdern keine Absprache getroffen worden war, wessen Linie ein­mal das Kaisertum weiterführen sollte. Dieses dornige Problem, das sich ebenso bei einer Umwandlung in ein erbliches Kaisertum sofort ge­stellt hätte, umging Ferdinand mit seinem Vorschlag des Offenlassens, der seinen eigenen Nachkommen zweifellos gute Chancen eröffnete — und das doch wohl auch sollte. Denn wenn man von den Kurfürsten eine solche Option für das Haus Habsburg bekam, hatte Ferdinand, sofern bei der nächsten Wahl er der Kaiser war, alle Trümpfe in der Hand, um sei­nen Sohn zu favorisieren. Auch sonst schimmert durch den ganzen Vor­schlag die Hoffnung Ferdinands, daß seine Linie das Reich weiterführen möge. Die Geldrente war vor allem für ihn und seine Nachkommen in­teressant, da ihnen die Hilfsquellen Spaniens und die Reichtümer aus der Neuen Welt ja nicht zur Verfügung stehen würden. War es zweideutig, daß er jene Rente gegebenenfalls gerade „nos successeurs l’archiducs d’Autriche“ zuschreiben lassen wollte? Wohl führten alle Habsburger diesen Titel, auch Philipp; aber waren nicht im allgemeinen Verständnis in erster Linie Ferdinand und seine Söhne die Erzherzoge, Philipp da­gegen „der Prinz von Hispanien“? — Schließlich hatte Ferdinand in den vergangenen zwanzig Jahren oft genug erlebt, daß die ihn selbst am stärksten berührende kaiserliche Aufgabe, nämlich der Türkenkrieg in Ungarn, von Karl stark vernachlässigt wurde. Erst kürzlich hatte der Bruder, statt lange versprochene Hilfe zu leisten, den Abschluß eines 184) So auch die Herausgeberbemerkung in Beiträge zur Reichsgeschichte 1546—1551 3, bearb. von August von Druffel (München 1875) 166. Immerhin wird in einer Denkschrift des kaiserlichen Gesandten Juan de Vega vom Sep­tember 1545 der Plan entwickelt, nach Niederwerfung der Protestanten das Reich mit Hilfe des Papstes in ein Erbreich umzuwandeln; publiziert von Gottfried Buschbell Die Sendungen des Pedro de Marquina an den Hof Karls V. im September/Dezember 1545 und September 1546 in Spanische For­schungen der Görresgesellschaft 1. Reihe Band 4 (Münster 1933) 346 f; vgl. Brandi Karl V. 1 444 f. 185) Siehe Exkurs unten S. 50 f. 3*

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