Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

130 Alfred Schröcker untersuchenden Jahrhundert mußten die „probationes“ offenliegen, weil man sich nicht mehr auf Autoritäten verließ35) — die schlechte Erfah­rung schien es unmöglich zu machen 36) —, sondern selbst überprüfen wollte. Die kritische Betrachtung eines Dokumentes durch mehrere Wis­senschaftler hätte im Zeitalter ohne Fotografie nur durch teueres, unzu­verlässiges Abschreiben und Beglaubigen oder durch noch viel kostspieli­gere und zeitraubende Reisen — durch die Unzulänglichkeit vieler Ar­chive behindert — erfolgen können. Der Druck vereinfachte den Vorgang für das Einzelstück und für die große Zahl der nötigen Quellen. Erst die weite Verbreitung möglichst vieler Quellen im Druck versetzte die wissenschaftliche Welt in die Lage, nach der neuen Methode zu verfah­ren: nämlich zu vergleichen, Fehler zu entdecken und kritisch einzuschät­zen 37 *). Die Bedeutung dieses Faktors für die historische Forschung be­tonte Leibniz — ähnlich wie Mabillon, Le Clerc oder der jüngere Hein­rich Meibom — besonders in seinem Abriß zur Geschichte der kritischen Edition, den er in der Einleitung zu den Scriptores rerum Brunsvicensium gab. Indem der Quellendruck weitgehend an die Stelle des überliefer­ten Originals trat, wurde kritische historische Forschung im Sinne des 17. Jahrhunderts möglich. Welche Forderungen an den Quellendruck sich aus seiner Ersatzfunktion für Leibniz ergaben, wird im Abschnitt über die Editionstechnik zu erläutern sein. Mit der Zielsetzung, stets den Vermittler historischen Wissens exakt nach­zuweisen, griff Leibniz bewußt eine westeuropäische Tendenz der Ge­schichtsforschung für Deutschland auf. In Frankreich arbeiteten die Mau­36) Diese Haltung drückte Leibniz öfter aus z. B. im Zusammenhang mit der Abstammung der Welfen und Este; vgl. LSB 1/4 nn. 149, 441, 454 u. a. Man vgl. z.B. Jean Le Clerc Parrhasiana 145: „La République des Lettres est enfin devenue un pais de raison et de lumiére, et non d’autorité et de foi aveugle, comme eile ne l’a été que trop long-temps.“ Diese Stelle auch zitiert im Vorwort von Recueil des traitez 1 (Amsterdam—Haag 1700). s«) „... unzählbare Fehler der vorigen Geschichtsschreiber und Genealo- gisten entdecket worden“: Leibniz 1690 (LSB 1/5 663; vgl. LSB 1/6 n. 184); über die Verbesserungslust der wissenschaftlichen Editoren spöttisch-ernst: Jo­hann Burkard M e n c k e De charlcitaneria eruditorum (Leipzig 1715) 73, 76, 77. 37) Leibniz ausdrücklich im Vorwort zu den Scriptores rerum Brunsvicen­sium; Jean L e C 1 e r c Parrhasiana 131 ff. Vor allem auch Jean Mabillon Librorum de re diplomatica supplementum (Paris 1704) 3: „quo pacto falsa a veris discernes? Non alio sane quam veterum testimonio, comparatione suspec­torum cum genuinis, denique quodam gustu, qui ex assidua germanorum cujus- que auctoris operum lectione percipitur“; weiter spricht er von „archetypa illa ex locis minime suspectis“ und daß das Verfahren „in infinitum“ führe. Hein­rich Meibom Rerum Germanicarum tom. 1 (Helmstedt 1688) Vorwort; ebenda im Brief des Johann Caselius an Meibom: „initio conquirere tam varia monu­menta magnae curae est, majoris legere, maxime divinare inter legendum, de singulis saepe litteris, equaenam, quid sibi denique velint: difficilius atque laboriosus, conferre inter se omnia existimare de singulis, repudiare inepta et falsa. Inde autem plurimum emergit boni, nempe veritas, quae prima virtutum historiae est.“

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