Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 28. (1975) - Festschrift für Walter Goldinger

NECK, Rudolf: Oswald Redlich und das österreichische Archivwesen

Redlich und das österreichische Archivwesen 385 späteren sog. Sanierung Seipels sollte beweisen, daß die auf eine enge büro­kratische Anschauungsweise zurückgehende Milchmädchenrechnung nicht aufgehen konnte, selbst wenn man in der Tagespolitik und an der Oberfläche der Dinge blieb. Die Gründe für das Scheitern Redlichs sind vielfach. Sicher spielt die Fi­nanzfrage und die durch die bald fertiggestellte Verfassung aktuelle Frage des Föderalismus eine große Rolle. Hinzu kommt aber jedenfalls noch das persönliche Problem mit Michael Mayr, der vor allem als Bundeskanzler im Zwiespalt von Politik und Archivwesen schwerer seine Entscheidungen tref­fen konnte und dessen unerwarteter Tod vielleicht mancher Entwicklung eine andere Richtung gab. Am 7. Oktober, zehn Tage vor den Wahlen 1920, die eine für Österreich schwerwiegende Entwicklung besiegelten, wurde im Kabinettsrat unter Mayrs Vorsitz die Errichtung des Archivamtes beschlossen, an dessen Spitze der derzeitige Bundeskanzler berufen wurde. Damit war auch das Ende des alten Archivrats besiegelt, dessen Leistungen Redlich in einer Sitzung des Archivamts im Jänner 1921 gedachte, in der er noch einmal in Vertretung Mayrs und Wilhelms, der nicht präsidieren wollte, den Vorsitz führte17). Da man offenbar den Eindruck hatte, Redlich nicht gerade gerecht behandelt zu haben, nahmen die Vertreter der Ressorts — wie sie betonten, ohne Auftrag - die Gelegenheit wahr, dem Gelehrten für seine Bemühungen um das Archiv­wesen im Namen des Staates zu danken, auch wenn er nicht immer seine Vorstellungen habe durchsetzen können. Damit war der Schlußpunkt unter eine Entwicklung in der Geschichte des österreichischen Archivwesens gesetzt, die nach verheißungsvollen Anfängen zu kühnen Hoffnungen zu berechtigen schien, die aber infolge der Ungunst der Zeitverhältnisse und sicher auch durch Verständnislosigkeit und persön­liches Versagen letzten Endes mit einem totalen Mißerfolg endete. Redlich selbst trug für dieses Ergebnis kaum die Verantwortung, aber er erkannte, daß er keinen Fortschritt in nächster Zeit erwarten durfte. Obwohl sich ihm die Möglichkeit bot, auf die weitere Gesetzgebung formal Einfluß zu nehmen, zog er sich zurück. 1924 legte er die Stelle als Archivbevollmächtigter zu­rück, angeblich wegen Überlastung. Tatsächlich war er auch hier schon lange nicht mehr tätig und überließ die Arbeiten in der Hauptsache dem jün­geren Ludwig Bittner. Wenn auch sein Interesse am Archivwesen in der Folge lebendig blieb, absentierte er sich von den weiteren Tätigkeiten. Die Entwicklung in der Ersten Republik war für ihn enttäuschend, und anläßlich seiner Ehrung zum 70. Geburtstag konnte er in Anwesenheit des Bundesprä­sidenten einige kritische Bemerkungen zur Entwicklung des Archivwesens in Österreich nicht unterdrücken18). Die Konstruktion des Archivamts von 1920 hat sich nur kurze Zeit gehalten 17) Protokoll der Sitzung des Archivamts von 1921 Jänner 28: HHStA Nachlaß Red­lich 2. 18) Goldinger Geschichte 51. Mitteilungen, Band 28 25

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