Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

Rezensionen 487 der Akademie sei ein sorgfältig vorbereitetes und bewußt kalkuliertes taktisches Ablenkungsmanöver gewesen, um das Dilemma einer Entschei­dung zwischen der ständischen Opposition und den Hofkreisen aufzuschie­ben: Diese Annahme setzt ein solches politisches Raffinement voraus, wie es erst dem reiferen Széchenyi eigen war, und überbewertet auch die Be­deutung der Polarisierung der Fraktionen im Reichstag des Jahres 1825. Überdies war Széchenyi zum gleichen Zeitpunkt durchaus bereit, den Zorn eines potentiell gefährlicheren Gegners zu riskieren, nämlich seines bisherigen Wohltäters Metternich. Dank der wissenschaftlichen Akribie und der intellektuellen Redlichkeit Gs ist eine Auseinandersetzung mit dessen Arbeit durchaus lohnend. Gera­de die unbefangene und geistreiche Behandlung einiger alter Széchenyi- Probleme und die wertvollen Korrekturen bisher als zutreffend geltender Details aufgrund von Archivmaterial veranlassen uns aber, neuerlich eine Mahnung zu wiederholen, die schon in der Schlußfolgerung einer anderen Széchenyi-Studie (MÖStA 23 [1970] 443—48) ausgesprochen wurde: Es ist eine moralische Verpflichtung für die ungarischen Historiker (und ebenso für die staatlichen Funktionäre!), die in der Zwischenkriegszeit be­gonnene Fontes-Edition der Werke Széchenyis wiederaufzunehmen und zu Ende zu führen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Wege wäre eine durcbgesehene und erweiterte Ausgabe der Briefe Széchenyis, vor allem aber die Errichtung eines eigenen Széchenyi-Archivs, wo sämtliche heute zerstreuten Unterlagen über Leben und Werk des „größten Ungarn“ gesammelt, entsprechend katalogisiert und wissenschaftlich qualifizierten Forschern zugänglich gemacht werden sollten. George Barany (Denver, Colorado) Helmut Rumpler Die deutsche Politik des Freiherrn von Beust 1848—1850. Zur Problematik mittelstaatlicher Reformpolitik im Zeitalter der Paulskirche (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 57). Verlag Hermann Böhlaus Nach!, Wien—Köln—Graz 1972. 367 S. Die vorliegende Studie ist das vielversprechende Teilergebnis von For­schungen zu einer Biographie Beusts, einer Persönlichkeit, die von den Historikern lange Zeit zu Unrecht unterschätzt wurde, wie sie zu Lebzei­ten vorübergehend überschätzt worden war. Im Vordergrund für die bis­herige Beurteilung stand bisher die Zeit des Höhepunkts seiner öffentli­chen Wirksamkeit von 1866—1870. Es ist das Verdienst des Vfs, daß er sich zunächst mit den Jahren 1848— 1850 beschäftigt, den Anfängen Beusts, als dieser die Außenpolitik Sach­sens leitete und erkannte, daß jetzt für die deutschen Mittelstaaten wahr­scheinlich die letzte Chance gekommen war. R. versucht, in den Wirren des Jahres 1848 und in der folgenden Zeit, als Beust gegen die Bestrebun­gen der Paulskirche agierte und die Stellung Sachsens zwischen den bei­den deutschen Hegemoniemächten zu behaupten suchte, die Problematik des „dritten Deutschland“ und der partikularistischen Politik genauer zu umreißen. Dabei bringt er — vielleicht noch zu zaghaft — neue Gesichts­punkte in die Diskussion um die Entwicklung zur deutschen Einheit. Daß

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