Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)
HLAVAC, Franz: Die Armeereorganisation der Jahre 1881–1883 in der Donaumonarchie
258 Franz Hlavac Am 3. August 1882 trafen Beck67) und Waldersee zu einer unauffälligen Besprechung in Strobl am Wolfgangsee zusammen. Das wesentlichste Ergebnis dieser Unterredung war die Zusage Deutschlands, im Fall eines Zweifrontenkrieges zuerst die Offensive im Osten 68) und dann im Westen durchzuführen. Die Idee Becks war es, die Umfassung der russischen Kräfte von Norden und Süden, ihre Einkesselung und Vernichtung zu planen 69). Aus dieser Unterredung gewann Beck die Überzeugung, daß sich die beiden Generalstäbe „hinsichtlich der gemeinsamen Aktion in einem Kriege gegen Rußland in vollster Übereinstimmung befinden“ 70). Erzherzog Albrecht äußerte sich am 19. August ebenfalls befriedigt über das Resultat dieser Besprechungen: „Auf das wärmste muß ich Waldersees Begehren unterstützen, daß alle weiteren rein militärischen Mitteilungen und Verabredungen im Wege der Militärbevollmächtigten gepflogen werden. Das allertiefste Geheimnis über die Operationen und daher die möglichst geringe Zahl von Mitwissenden ist die erste Bedingung ihres Gelingens. Der rücksichtslose, oft merkwürdig offenherzige Charakter des Fürsten Bismarck, seine diesbezüglichen Reibungen mit Feldmarschall Moltke in den letzten zwei Kriegen sowie das geschäftstätige, einmischende Wesen des Botschafters Prinz Reuß rechtfertigen um so mehr diesen Wunsch beider preußischer Generale, den ich auch meinerseits vollkommen anerkennen muß“ 71). Als Beck im September 1882 in Breslau bei den deutschen Kaisermanövern mit Generalfeldmarschall Moltke zusammentraf, zeigte sich eine ähnliche Übereinstimmung der Ansichten72). Am 21. Dezember 1882 erbat Beck vom Kaiser die Genehmigung zur Umarbeitung des Kriegsfalles „R“ und legte gleichzeitig eine Denkschrift über die militärischen Vorarbeiten für das Jahr 1883 als Grundlage für die Aufmarscharbeiten vor73), die bereits die Besprechungen mit Waldersee berücksichtigte. Das letzte Aufmarschelaborat hatte noch auf der Annahme basiert, daß Österreich-Ungarn allein gegen Rußland auftrete74), nun wurde der preußischen Kooperation bereits Rechnung getragen. ®7) Beck hatte sich auf die Besprechungen gründlich vorbereitet. Vgl. KA Nachlaß Beck n. 205: „Exposé über die militärische Situation in einem Kriege Österreich-Ungarns und Deutschlands mit Rußland als Grundlage für eventuelle Verhandlungen mit dem kgl. preußischen Generalstab“, 1882 Juli 12, Wien; Begutachtung der Denkschrift durch Albrecht ebenda n. 206. «8) Die Aufmarschpläne Moltkes sahen schon seit Dezember 1878 vor, daß die Hauptmacht des deutschen Heeres im Zweifrontenkrieg sofort im Osten offensiv Vorgehen solle: Ritter Staatskunst 1 294. 69) Vgl. Glaise-Horstenau Franz Josephs Weggefährte 285 ff. 7») Eigenhändige Aufzeichnung von Beck (1882 August 4) über die Besprechung mit Waldersee: KA Nachlaß Beck n. 207. 71) Ebenda n. 208. 72) Ebenda n. 216/3. Vgl. Glaise-Horstenau Franz Josephs Weggefährte 288 ff. 73) KA Generalstab Res. n. 1466 ex 1882; Operationsbüro Fasz. 4; MKSM 69-2/1-1 ex 1883. 74) KA Generalstab Res. n. 98 ex 1881; Operationsbüro Fasz. 4.